Der Florentiner Karneval im 15. Jahrhundert war ein ritterlich-höfisches Fest mit Turnieren, Bällen, Feuerwerk und Aufzügen. Wie der Dichter Antonio Francesco Grazzini überliefert, verkleideten sich Männer hierbei als Madonna (dies bezog sich auf eine Prozession junger Mädchen, an deren Spitze eine Madonna getragen wurde) und sangen dazu Tanzlieder (Canzoni a ballo).1
Der Einfluss Lorenzo de‘ Medicis auf die Tanzlieder
Grazzini (s. Zitat) und Giorgio Vasari zufolge habe Lorenzo durch sein Engagement die Tanzlieder revolutioniert und dadurch die eigenständige Gattung der Canti carnascialeschi (sprich „kanti karnaschaleski“) geschaffen.
Da [Lorenzo] der Prächtige der Ansicht war, dass die Art des Gesangs immer die gleiche sei, dachte er daran, nicht nur den Gesang zu variieren, sondern auch […] die Komposition der Worte.2
So hat Lorenzo eigene Lieder geschrieben und sich für die Musik Unterstützung geholt. Es ist überliefert, dass er mit der Vertonung seines wohl 1484 verfassten Karnevalsliedes Canto de‘ Bericuocolaj (Lied der Honigkuchenverkäufer) den aus Flandern stammenden Komponisten und Sänger Heinrich Isaac beauftragte. Isaac, der gegen 1485 von Lorenzo an den mediceischen Hof geholt wurde und zeit seines restlichen Lebens mit der Stadt verbunden blieb, gilt als Inbegriff einer „neuen florentinischen Schule“, die sich durch eine klare und gut artikulierte Singbarkeit und die Verwendung ausgefeilter Techniken sowie kontrastiver und rhythmischer Vielfalt auszeichnet.3
Der musikalische Satz der Canti ist seitdem drei- bis vierstimmig, volkstümlich einfach und überwiegend homophon mit führender Oberstimme. Die zahlreichen Strophen werden auf die gleiche Melodie gesungen (s. Beispiele unten).4

Illustriertes Lied von Heinrich Isaac, das den Anfang seiner vierstimmigen Motette „Palle, palle“ zeigt, die wahrscheinlich in den 1480er Jahren in Florenz geschrieben und in dieser Zeit kopiert wurde. „Palle“ („Bälle“) ist eine Anspielung auf das Wappen der Familie Medici (Bild: Wikimedia).
Der Inhalt der Lieder, die auf Italienisch abgefasst waren, reichte von heiterer Satire bis zu vielsagenden Allegorien, gespickt mit doppeldeutigen, sexuellen Anspielungen.
Die Canti Lorenzos
Antonio Francesco Grazzini nennt in seinem Werk „Tutti i trionfi, carri, mascherate o canti carnascialeschi andati per Firenze dal tempo del Magnifico Lorenzo de‘ Medici fino all‘ anno 1559“ 15 Lieder, die Lorenzo de‘ Medici geschaffen habe:5
- Trionfo di Bacco e d’Arianna (Triumph von Bacchus und Ariadne)
- Carro delle Fanciulle, e delle Cicale (Der Wagen der Jungfrauen und der Zikaden)
- Canto delle Foresì di Narcetri (Lied der Wälder von Arcetri)
- Canto de‘ Bericuocolaj (Lied der Honigkuchenverkäufer)
- Canto delle Filatrici d’Oro (Lied der Goldspinnerinnen)
- Canto di Poveri, che accattano (Lied der Armen, die betteln)
- Canto di Mogli giovani, e di Mariti vecchj (Lied der jungen Ehefrauen und der alten Ehemänner)
- Canto di Mulattieri (Lied der Maultiertreiber)
- Canto di Romiti (Lied der Einsamen)
- Canto di Calzolaj (Lied der Schuhmacher)
- Canto di Rivenditore (Lied der Einzelhändler)
- Canto di Facitori d‘ olio (Lied der Ölmacher)
- Canto di Votacessi (Lied der Toilettenreiniger)
- Canto di Cialdonaj (Lied der Waffelverkäufer)
- Trionfo de‘ sette Pianeti (Triumph der sieben Planeten)

Der wohl bekannteste Blockreim Lorenzos aus den Canti ist der Refrain aus dem „Lied des Bacchus“ aus der Ballade „Triumph von Bacchus und Ariadne“:6
Quant’è bella giovinezza,
che si fugge tuttavia!
Chi vuol esser lieto, sia:
di doman non c’è certezza.

Wie schön ist die Jugend,
die jedoch so schnell verfliegt!
Wer fröhlich sein will, sei es:
Was morgen kommt, ist ungewiss.
Die Bedeutung und Beliebtheit der Karnevalslieder in Florenz wird ersichtlich, wenn man sich anschaut, aus wessen Feder weitere Canti der Renaissancezeit stammen: Niccolò Machiavelli7, Jacopo Nardi, Bernardo Rucellai, Giovan Battista Strozzi der Ältere, Benedetto Varchi und Viele mehr.
Überlieferung
Während der kurzen „Terrorherrschaft“ durch Girolamo Savonarola wurden anstelle der Karnevalsveranstaltungen religiöse Prozessionen abgehalten. Nach der Hinrichtung des Dominikaners und der Rückkehr Lorenzo di Piero de‘ Medici 1512 aus dem Exil zelebrierte man den Karneval wieder wie zuvor. Die Medici bauten in der Folge die junge Tradition zu einer Feier des Triumphs ihres Herrscherhauses aus und nahmen den Karneval schließlich vollständig in das Hofzeremoniell auf.
Auch die ersten gedruckten Ausgaben von Karnevalsliedern stammen aus dieser Zeit. Der Korpus der Karnevalslieder ist in sieben florentinischen Manuskripten und einem aus Perugia überliefert. Einige illustrierte Druckausgaben stammen aus dem frühen 16. Jahrhundert, wie die „Canzone per andare in maschera per Carnesciale“ von Bernardo Giambullari (um 1515). Ein wichtiges Werk stellt das schon mehrfach erwähnte Buch von Antonio Francesco Grazzini dar, welches um 1560 erschienen ist.

Frontispiz des Buches „Canzone per andare in maschera per Carnesciale“ von Bernardo Giambullari von circa 1515 (Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze, Digitalisat abrufbar bei archive.org)
Da die eingängigen Melodien teilweise für Laudi (Andachtslieder) wiederverwendet wurden, sind sie auf transkribierten oder gedruckten Notenblätter vom Ende des 15. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts überliefert. Daher kennen wir von rund 300 bekannten Texten immerhin bei 70 die dazugehörige Vertonung.
Drei Beispiele von Rekonstruktionen von Canti carnascialeschi („Trionfo di Bacco e d’Arianna“, „Vilana che sa tu far?“ und ein Mix).
- Vgl. hierfür Michel Plaisance: Florence in the Time of the Medici. Public Celebrations, Politics, and Literature in the Fifteenth and Sixteenth Centuries, Toronto 2008, S. 17-35. ↩︎
- Nach Antonio Francesco Grazzini, genannt „Il lasca“, zu finden online bei Giorgio Monari, I canti carnascialeschi, abgerufen am 11.11.2024. Im Original lautet das Zitat bei Monari: „e così travestiti a uso di Donne, e di fanciulle cantavano canzoni a ballo, la qual maniera di cantare, considerato il Magnifico esser sempre la medesima, pensò di variare, e non solamente il canto, ma le invenzioni, e il modo di comporre le parole.“ ↩︎
- Vgl. Monari (wie Anm. 2). ↩︎
- Vgl. Ulrich Michels, dtv-Atlas der Musik. Band 1, München 2000, S. 253. ↩︎
- Das Werk Grazzinis ist abrufbar bei archive.org; die beiden Abbildungen stammen aus einer Auflage von 1750. Weitere Werke, die Lorenzo de‘ Medici zugeschrieben werden, hat Attilio Simioni zusammengetragen, welche vollständig abrufbar sind bei Wikisources (auf italiensch; abgerufen am 11.11.2024). ↩︎
- Auch im heutigen Stadtbild stößt man gelegentlich auf diese Worte. So sind die letzten beiden Zeilen im Inneren des Jugendstil-Kinos Odeon, direkt oberhalb der Leinwand angebracht. ↩︎
- Vgl. Grazzini 1559 (wie Anm. 5), S. 14. ↩︎


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