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Neues Interesse
Die Herstellung einer Facade für den Florentiner Dom, eine Aufgabe, welche das Mittelalter und die Renaissance ungelöst unserem Zeitalter überliessen, hat im Laufe der letzten Jahrzehnte die Architekten- und Künstlerkreise ganz Europas zu verschiedenen Malen beschäftigt.
Vermischtes, Das Projekt für die Facade des Domes, Deutsche Bauzeitung (=DB), Nr. 22, 1871, S. 174-175
Das ansteigende Interesse an gotischen Monumentalbauten und (Re-)Konstruktionen im historischen Stil hatte, worauf das Zitat anspielt, ab dem frühen 19. Jahrhundert Architekten bewogen, sich auch mit der Neugestaltung der Florentiner Domfassade zu beschäftigen. Einen Entwurf präsentierte beispielsweise 1822 der Italiener Giovan Battista Silvestri, 1831 Gaetano Baccani, der die Umgestaltung des Dominneren verantwortete, und 1842 Niccolò Matas, nach dessen Plänen von 1857 bis 1863 die Fassade von Santa Croce errichtet wurde.
Im gleichen Jahr, d.h. 1842, bildete sich die „Associazione per la facciata del Duomo“ (Verein für die Domfassade) und motivierte damit auch andere europäische Architekten zur Einreichung von Entwürfen. Neben dem Schweizer Johann Georg Müller stellte beispielsweise der deutsche Gotthilf Ludwig Runge 1845 auf einer Halberstädter Architektentagung seine Ideen vor.1

Fassadenentwurf für den Florentiner Dom von Giovan Battista Silvestri 1822 (Wikimedia)
Wettbewerbsmarathon
Da innerhalb des Vereins jedoch keine Einigung erzielt werden konnte, geriet die Idee in Vergessenheit und nach einiger Zeit Stillstand wurde der Verein 1858 als „Deputazione promotrice“ (Förderungsdeputation) wiederbelebt sowie ein internationaler Wettbewerb mit einer hochkarätigen Kommission ausgeschrieben. Am 22. April 1860 legte König Vittorio Emanuele II. sogar symbolisch den Grundstein für die neue Fassade, nicht ahnend, dass die Realisierung noch viele Jahre in Anspruch nehmen sollte.
Der erste Wettbewerb wurde schon am 30. Mai 1860 annulliert. Trotz der großen Teilnehmerzahl kürte die Kommission keinen Sieger, sondern beschränkte sich darauf, einige würdige Projekte zu präsentieren. 1864 wurde ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben. Nach einer ersten Sichtung nahm die Kommission von den dreiundvierzig eingereichten Entwürfen fünfzehn in die engere Auswahl. Am Ende konnte sich Emilio de Fabris mit seinem Entwurf durchsetzen, der sich am gotischen Campanile von Giotto und den Dombauten von Siena und Orvieto orientierte. Innerhalb der Kommission war das Ergebnis jedoch umstritten, weshalb man den französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der sich als Restaurator im historischen Stil einen Namen gemacht hatte, um ein Gutachten bat.
Daraufhin erarbeitete die Kommission 1865 Regeln für einen dritten Wettbewerb, an dem zehn Favoriten des zweiten Wettbewerbs sowie 29 freie Architekten mit insgesamt fünfundvierzig Entwürfen teilnahmen (einige hatten zwei eingereicht). Auch aus diesem ging 1867 de Fabris als Sieger hervor, weil neben weiteren Kommissionsmitgliedern auch deren Präsident selbst, Pietro Selvatico, an dessen Entwurf festhielten. Die Kommission beauftragte den Architekten daraufhin mit der Ausarbeitung der Details, für die de Fabris in den nächsten zwei Jahren Anregungen von Selvatico und des Philosophen Augusto Conti berücksichtigte, der einen großen Anteil am christlichen Bildprogramm hatte.
Umsetzung?
1870 wurde der endgültige Entwurf bewilligt und de Fabris am 4. Juli zum Architekten der Fassade von Santa Maria del Fiore ernannt. Aber nun kam es zu einer neuen Verzögerung, über die in der Deutschen Bauzeitung berichtet wurde:

Fassadenentwurf Emilio de Fabris (DB, Nr. 30, 1873)
Aus Florenz meldet eine Korrespondenz […], dass die Aussichten auf den Bau der Domfacade neuerdings wieder in sehr weite Ferne gerückt sind. Nachdem die (wegen des dabei beobachten Verfahrens mit Recht berüchtigte) Konkurrenz [d.h. Wettbewerb] durch den Spruch eines zweiten und dritten Schiedsgerichts, dem sich endlich auch die über den Bau entscheidende Kommission gefügt hatte, dahin entschieden worden war, dass der Plan des Professors de Fabris zur Ausführung zu bringen sei, hat sich herausgestellt, dass die bereits unter der vorigen Regierung gesammelten, beträchtlichen Geldmittel für den Bau durch die Kosten der Konkurrenz beinahe völlig absorbiert sind. Der zum Architekten der Facade ernannte Professor de Fabris, dem mittlerweile auch das Amt eines Konservators von Dom, Campanile und Baptisterium anvertraut ist, muss sich daher vorläufig darauf beschränken, Detailstudien vorzunehmen und die Vorarbeiten für den Bau soweit zu fördern, dass derselbe jederzeit nach seinen Originalzeichnungen vorgenommen werden kann. An eine baldige Beschaffung neuer Geldmittel ist bei der gegenwärtigen Finanzlage Italiens nicht zu denken.
DB, Nr. 1, 1870, S. 6-7
Ein Jahr später hieß es ebenfalls in der Bauzeitung:
Über den Fortgang der Angelegenheit verlautete seither nur wenig und dürfte deshalb der Bericht, welchen der bekannte Münchener Kunstgelehrte Ernst Förster, eines der Mitglieder der ehemaligen Jury, in der A. A. Z. vom 14. Mai d. J. veröffentlicht, nicht ohne Interesse sein. […]
Die Leser dieser Blätter, so schreibt Hr. Förster, erinnern sich wohl der über diese Angelegenheit gepflogenen Verhandlungen, namentlich des übereinstimmenden Urtheils der beiden internationalen Schiedsgerichte von 1865 und 1867, welches sich für den Entwurf des Architekten Prof. De Fabris erklärt hatte, in Folge dessen derselbe von der Deputazione mit der Ausführung des Werks beauftragt worden ist. Seit der in dieser Sache erfolgten Entscheidung war Prof. De Fabris aufs eifrigste bemüht, die gründlichsten und ausführlichsten Studien in stilistischer wie in technischer Beziehung für die vollkommene Ausführung seines Entwurfs zum Behuf der wirklichen Ausführung zu machen, und hat nun eine kolorirte Zeichnung (nach dem Maasstab des zehnten Theils der wirklichen Grösse) hergestellt, die uns nicht nur den Überblick des Ganzen, sondern ebenso den Einblick in alle Einzelheiten bis fast zur Sinnestäuschung gestattet. Der Gesammteindruck ist von überraschender Schönheit und drängt sogleich die Überzeugung auf, dass der Künstler die richtige Lösung der Aufgabe getroffen habe.
War schon der Entwurf von 1867 eine Weiterentwickelung des Planes von 1865, so erscheinen nun beide als das in den fruchtbaren Boden gelegte und aus ihm aufkeimende Samenkorn, das endlich zur vollen Pflanze mit reichem Blätter- und Blüthenschmuck an festem Stamm und frischen Zweigen erwachsen ist.
Die entscheidenden Motive, die Haupteintheilung, die Übereinstimmung mit den Seitenfacaden, der Dreigiebel-Abschluss sind natürlich unverändert beibehalten; aber der Charakter der Hauptfacade ist entschiedener hervorgehoben, vor Allem durch die innigere Verbindung der drei Portale zu einer Gruppe und die Krönung des mittleren mit einer Thronnische mit der Statue der heil. Jungfrau, als der Titelheiligen der Kirche; durch eine glücklichere Einrahmung der Rundfenster und eine dem Stil entsprechendere und bedeutend wirksamere Anordnung der Hauptgallerie, mit welcher De Fabris die so wichtige Theilnahme der Skulptur, der bereits an den Portalen und Pilastern eine ergiebige Thätigkeit angewiesen ist, noch wesentlich vermehrt hat. Eine Vergleichung mit den früheren Entwürfen zeigt auch in allen Gliederungen, Formen und Ornamenten eine aus ernsten und strengen Studien des Stils gewonnene Vervollkommnung, so dass man erkennen muss, dass die Aufgabe, soweit sie als Zeichnung zu lösen war, bis zu den letzten Konsequenzen vollkommen gelöst ist […].
Nachdem die bereits unter der grossherzoglichen Regierung begonnene, dann bei der neuen Ordnung der Dinge wieder aufgenommene Unternehmung bis zu diesem Punkte gediehen ist, und das Gefühl, dass der Dom von Florenz endlich einmal dazu kommen müsse, in anständiger Weise seine Blösse zu decken, erscheint es bedenklich, wo nicht gar des Landes wie des Volkes nicht würdig, die Ausführung der ungewissen Zukunft zu überweisen. Die wirkliche That kann allein die vielen bisherigen Voranstalten rechtfertigen; eine Verzögerung würde jeden Glauben an die Wahrhaftigkeit der Vorbereitungen tödten. Auch ist mir die Versicherung geworden, dass der gegenwärtige Sindico von Florenz, Cav. Petruzzi, ein kunstliebender und kunstverständiger Mann, den sofortigen Beginn der Arbeit beabsichtige.
Freilich wird es keine leichte Aufgabe sein, ergiebige Geldquellen ausfindig zu machen, da die Regierung noch nicht eine derselben für disponibel erklären möchte. Vielleicht aber könnten die Wege, die man in Deutschland zur Vollendung des Kölner Doms und zur Herstellung des Ulmer Münsters eingeschlagen, auch in Italien zu demselben erwünschten Ziele führen. Aussicht auf Gewinn in klingender Münze wird auch dort wie hier einen stärkeren Reiz ausüben, als das im Mittelalter stets mit so grossem Erfolg für Unterstützung kirchlicher Bauunternehmungen gegebene Versprechen von Abkürzung der Reinigungsfristen im Fegefeuer, und selbst als Milderung der Höllenstrafen.
Vermischtes, Das Projekt für die Facade des Domes, DB, Nr. 22, 1871, S. 174-175
Umsetzung!
Dank zahlreicher Spenden ging es ab 1876 recht zügig mit dem Prestigeprojekt voran. Zwei Jahre später hieß es über den Fortschritt knapp in der Bauzeitung:
Jetzt ist die ganze Facade mit Ausschluss der Giebel aufgemauert und die Marmor-Inkrustation bis ungefähr 2m über Terrain-Höhe gediehen.
Nach einem Vortrage des Hrn Baudirektor Zimmermann, gehalten in der Versammlung des Arch.- u. lng.-Vereins zu Hamburg am 15. März 1878, DB, Nr. 50, 1878, S. 255
Doch das Projekt zog sich in die Länge. Über den Zustand 1883 und warum die letzten beiden Meter noch immer fehlten, berichtete erneut die Bauzeitung:
Der Dom von Florenz wird wegen Vornahme der nöthigen Reinigung und einiger Reparaturarbeiten für die nächsten Monate geschlossen bleiben. Man hatte in Aussicht genommen, denselben zum Konstitutionsfest wieder zu öffnen und bei dieser Gelegenheit die neue Facade, wie vor zwei Jahren geschehen, aufzudecken bezw. von ihrer Mattenumkleidung zu befreien, doch scheint dies unmöglich, da die mit den Modellstatuen beschäftigten Bildhauer bis dahin schwerlich ihre Arbeiten beendet haben dürften.
So wird sich die Feier, die diesmal mit besonderem Pomp begangen werden soll, wohl bis Ende Herbst verschieben, wo Alles aus der ländlichen Sommerfrische und den Bädern wieder zurück gekehrt ist. Bis dahin sollen auch im Innern die Arbeiten an der großen Mittelrosette abgeschlossen sein und beabsichtigt De Fabris, der Architekt der Facade, gleichzeitig mit der Aufdeckung eine Probe anzustellen, auf welche Weise die alte Streitfrage bezüglich des Giebelabschlusses am besten zu beseitigen sei; es soll nämlich der eine Teil mit basilikalem Abschluss, der andere nach dem dreispitzigen System provisorisch vollendet vorgeführt und so die Angelegenheit dem allgemeinen Urtheil unterworfen werden.
Ob das gerade zu einem befriedigenden Resultat führen wird, das heisst, ob – wie die hiesigen Zeitungen sagen – „die gute Empfindung und der sprichwörtlich gute Geschmack des florentiner Publikums besser entscheiden würde, als alle Kommissionen“? – Nun, die Geschmäcker sind eben verschieden, aber immerhin bleibt solcher Probeversuch, kommt er wirklich zu Stande, interessant und ich wünsche von Herzen, dass demselben der bauleitende Meister, dessen Gesundheitszustand leider ein sehr misslicher ist, in voller Frische und Kraft beiwohnen kann.
Fr. Otto Schulze, Vermischtes, DB, Nr. 30, 1883, S. 179

Neuer Fassadenentwurf von Emilio de Fabris (Wikimedia)
Der Wunsch erfüllte sich jedoch nicht und de Fabris starb im Juni 1883. Der Architekt Luigi del Moro setzte die Arbeiten fort und konnte am 5. Dezember die Fassade der Öffentlichkeit für den „Probeversuch“ präsentieren.
Hierbei handelte es sich um zwei Versionen der Seitengiebel. Schon 1873 hatte de Fabris seinen Entwurf nach Änderungswünschen entsprechend abgeändert gehabt und anstatt dem Dreigiebelabschluss einen basilikalen entworfen. Die Florentiner waren nun aufgerufen, in einer Abstimmung ihren Favoriten wählen, weshalb eine Zeitlang zur Visualisierung beide Formen zu sehen waren.

Beide Versionen der Bekrönung der Westfassade des Florentiner Domes während des Baues (Wikimedia)
Der Gewinner war, wie jeder Stadtbesucher heute vor Ort sehen kann, die basilikale Variante. Die offizielle Einweihung der Fassade fand erst am 12. Mai 1887 statt. Über den finanziellen Aufwand berichtete ein Jahr später ebenfalls die Bauzeitung:
Über die Kosten der neuen Fassade des Domes von Florenz, deren Herstellung etwa 10 Jahre beansprucht hat, entnehmen wir der „Voce della Verità“, dass dieselben sich auf 1 260 057 Lire 89 Cent belaufen. Die für den Zweck durch Sammlung aufgebrachte Summe betrug 1 371 813 Lire 93 Cent, so dass also noch ein Überschuss von 111 756 Lire 4 Cent verbleibt, der dem Fonds für den Guss der neuen Bronzepforten überwiesen wird. Für letztere ist schon heute die Summe von 139 515 Lire 93 Cent aufgebracht, also ein Gesammtbetrag von 251 271 Lire 97 Cent vorhanden.
Vermischtes, DB, Nr. 61, 1888, S. 367




Aufnahmen, die die Fassade während der Errichtung zeigen, findet Ihr unter anderem hier:
- http://catalogo.fondazionezeri.unibo.it/scheda/opera/107355/, um 1878
- https://www.alinari.it/it/esplora-immagini?query=FBQ-F-002690-0000, um 1885
- https://www.alinari.it/it/esplora-immagini?query=MFC-F-003161-0000, um 1885
- Die Versammlungen deutscher Architekten und Ingenieure, Deutsche Bauzeitung (fortan DB), Nr. 36, 1868, S. 381 ↩︎


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