Viele Besucher der schönen Stadt Florenz, die ein Rundgang natürlich auch zum Dom führt, sind beeindruckt von dem Bauwerk. Sie stehen lange vor der Westfassade, wo sich der Eingang befindet, und betrachten die Details. Aber wusstet Ihr, dass es sich bei der Fassade sozusagen um einen Neubau handelt?
Warum überhaupt eine reichverzierte Westfassade?
Viele mittelalterliche Kirchen des Abendlandes sind aus liturgischen Gründen ungefähr geostet, d.h. zur aufgehenden Sonne ausgerichtet.1 Diese wortwörtliche Orientierung (von lateinisch oriens, d.h. Osten) steht symbolisch für die Hinwendung zu Jesus Christus, der wie der Sonnenaufgang das Licht (des Glaubens, die „Erleuchtung“), sowie nach Jerusalem.
Um den Besucher in den Kirchenbau – das „himmlische Jerusalem“ – hereinzuziehen, ist die Westfassade zumeist „einladend“ wie ein Stadttor2, d.h. repräsentativ gestaltet. Erst am Ende findet der Kirchgänger das Heiligste vor, den Chor mitsamt dem Altar. Sowohl der Klerus als auch das Volk schickten ihre Gebete in diese Richtung, d.h. nach Osten, da von dort die Wiederkunft Christi erwartet wurde.3
Auch die Pläne des Baumeisters Arnolfo di Cambio sahen für den gotischen Florentiner Dom eine Westfassade vor. Giotto di Bondone, ab 1334 leitender Dombaumeister und Architekt des Campanile, soll die begonne Fassade jedoch wieder abgerissen und nach seinen Plänen eine neue Version initiiert haben.4 Bis zur Einstellung der Arbeiten auf etwa einer Höhe von einem Drittel entstand eine farbige, durchbrochene, aufwärtsstrebende dekorative Fassade, deren Skulpturen teilweise von Bildhauern wie Nanni di Banco, Bernardo Ciuffagni und Donatello geschaffen wurden.5


Ausschnitt aus dem Plan von Stefano Buonsignori (1584-1594) im Palazzo Vecchio, Lünettenbild im Kreuzgang von San Marco in Florenz von Bernardino Poccetti (Quelle: Wikimedia)
Pläne für eine neue Fassade
1587-88 wurde die Fassade durch den Architekten Bernardo Buontalenti wieder entfernt, da Francesco I. de‘ Medici eine moderne, einheitliche Fassade zu errichten gedachte. Hierfür wurde ein Wettbewerb ausgerufen, an dem unter anderem Bernardo Buontalenti, Ludovico Cigoli, Giovanni Antonio Dosio und Giambologna teilnahmen; von den eingereichten Entwürfen sind im Museo dell’Opera del Duomo Holzmodelle und Zeichnungen erhalten. Da aber Francesco I. de‘ Medici überraschend am 19. Oktober 1587 verstarb, wurde das Projekt nicht realisiert.



Im siebzehnten Jahrhundert griff Ferdinando II. de‘ Medici das Projekt wieder auf, wählte aber statt eines neuen Wettbewerbes direkt das 1587 von Giovanni Antonio Dosio erstellte Modell. Diese willkürliche Entscheidung löste Proteste aus, die dazu führten, dass 1635 Künstler der Zeichenakademie ein neues Modell erstellten. Gherardo Silvani wurde nun mit der Ausführung beauftragt, die Arbeiten aber schon kurz darauf wieder wegen Streitereien eingestellt.


Domvorplatz, Radierung von Jacques Callot von 1617, Tasse mit Ansicht des Florentiner Doms, 1. Hälfte 19. Jahrhundert (Quelle: Wikimedia)
Bis spät in das 19. Jahrhundert hinein sahen Besucher die Westfassade des Domes nun lediglich mit einer backsteinernen Westfassade (vergleichbar beispielsweise der nicht weit entfernten Kirche San Lorenzo); gelegentlich war zumindest temporär aus verschiedenen Anlässen Dekor aus Holz, Leinwand oder Putz, mit Fresken versehen, angebracht.
Fotografien aus dem 19. Jahrhundert findet Ihr hier:
- https://www.alinari.it/it/esplora-immagini?query=OTC-F-000015-0000 (um 1852, mit Resten einer Freskierung)
- https://www.alinari.it/it/esplora-immagini?query=FVQ-F-107519-0000 (um 1855, mit Resten einer Freskierung)
- https://www.alinari.it/it/esplora-immagini?query=AVQ-A-002965-0022 (ebenso)
- https://artlogic-res.cloudinary.com/w_2000,h_2000,c_limit,f_auto,fl_lossy,q_auto/ws-paoloantonacci/usr/images/artworks/main_image/items/f9/f905f6f808a14eef9cc5540d8f0b9ffd/berg-a.-s.maria-del-fiore.jpg (Albert Berg, 1862)
- https://photothek.khi.fi.it/documents/obj/07503164/fld0004042x_p (um 1871)
Wann die heutige Fassade entstand, könnt Ihr dem folgenden zweiten Teil entnehmen.
- Vgl. Wilfried Koch, Baustilkunde, Bassermann Verlag, 1998, S 472 („Orientierung“). ↩︎
- Vgl. Hans Sedlmayer, Die Entstehung der Kathedrale, Wiesbaden 2001, S. 112. ↩︎
- Vgl. die Worte bei Mat. 24,27: „Denn wie der Blitz bis zum Westen hin leuchtet, wenn er im Osten aufflammt, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein.“ Vgl. auch Margarete Luise Goecke-Seischab und Jörg Ohlemacher, Kirchen erkunden – Kirchen erschließen, Lahr 1998, S. 22. ↩︎
- Vgl. Franz Kugler, Geschichte der gothischen Baukunst, Stuttgart 1859, S. 549. ↩︎
- Vgl. Opera Magazin, How many „faces“ has the Cathedral of Florence had? 18.10.2021. ↩︎


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