Ihr werdet Euch beim Lesen der Überschrift wahrscheinlich fragen, warum ich auf einmal ein „klassisches“ Reiseführer-Thema präsentiere. Nun, Florenz hat ein Problem. Zwar kommen Jahr für Jahr Millionen Touristen in die Stadt, aber alleine das Zentrum bietet den Kunstinteressierten so viel, dass viele Besucher während ihres kurzen Aufenthaltes dieses gar nicht verlassen. Falls doch, werden meistens die nächsten großen touristischen Anlaufpunkte wie Siena, Lucca oder Pisa angesteuert.
Das führt dazu, dass berühmte Bauwerke wie die Villen der Medici im Umkreis der Stadt nur von relativ wenigen Menschen (im Vergleich zur vollen Innenstadt) besucht werden, wie uns eine Führerin in der Villa La Petraia etwas frustriert erzählte. Deswegen werde ich mich in einer losen Serie einmal mit diesen Kleinodien beschäftigen und beginne mit ebendieser Villa.
Die Villa La Petraia liegt im Stadtteil Castello, im Nordosten von Florenz (Via Petraia 40, Anfahrt z.B. mit der Tram 1 bis Careggi, von da aus zu Fuß ca. eine halbe Stunde). Ihr Name rührt vom natürlichen Steinreichtum der Gegend: „Petraia“ ist reich an „petra“ (lateinisch für Felsen).


Die Anfänge der Villa
Das ursprüngliche Kastell der Familie Brunelleschi wurde 1422 von der Familie Strozzi gekauft, die das Grundstück erweiterte. Zwischenzeitlich in den Besitz der Familie Salutati gelangt, erwarb es letztlich Alessandro de‘ Medici, der die dreistufige Anlage des Gartens im Stile eines Giardino all’italiana durch Niccolò Tribolo gestalten ließ. Die erste Terrasse bepflanzte dieser mit niedrigen Obstbäumen, die zweite – das Piano del Vivaio – dominierte ein großes zentrales Wasserbecken, flankiert von zwei Treppen, anschließend geometrisch angeordnete Blumenbeete mit „gewöhnlichen“ Pflanzen (deswegen Giardino dei Semplici genannt) und endend mit zwei schmalen, zweigeschossigen Gebäuden. Die dritte und größte Terrasse bestand aus zwei gleichgroßen Flächen mit Laubengängen und loser Baumbepflanzung.

Informiert vom damaligen Aussehen der Anlage sind wir durch ein abgenommenes Lünettenfresko, das von 1599 bis 1602 vom Maler Giusto Utens für die Medici-Villa in Artiminio gemalt wurde, sich zwischenzeitlich im Museum "Firenze com'era" (Florenz, wie es war) befand und nun mit den anderen erhaltenen Fresken in der Villa La Petraia zu sehen ist.
Alessandro schenkte 1568 die Villa seinem Sohn Ferdinando I. (das ist der Ferdinando, dessen Statue auf „unserer“ Piazza steht mit der bienendekorierten Basis), welcher den Maler und Architekten Bernardo Buontalenti mit dem Umbau der Villa „eines Herren“ zu der „eines Prinzen“ beauftragte. Auf diese von 1576 bis 1591 erfolgte Umgestaltung geht das heutige Erscheinungsbild zurück. Buontalenti ließ einen annähernd quadratischen, zweigeschossigen Bau um den Kastellturm herum errichten.





Die Fresken des in der Mitte liegenden quadratischen Innenhofes, die Episoden aus dem Hause Medici und der Ritter des Sankt-Stephans-Ordens darstellen, gab Großherzog Ferdinando II. bei Baldassare Franceschini in Auftrag, der diese zwischen 1636 und 1648 ausführte.



Von den Medici zum König
Mit dem Tode des letzten Medici 1737 gelangte auch die schon länger vernachlässigte Villa in den Besitz des Hauses Habsburg-Lothringen. Nun erhielt sie eine neue Inneneinrichtung; unter anderem wurde beispielsweise ein Spielzimmer eingerichtet sowie ein Saal mit Chinoiserien, erworben 1785 vom Großherzog der Toskana Peter Leopold. Vermutlich zu dieser Zeit transferierte man den ebenfalls von Tribolo für die nahe Medici-Villa in Castello geschaffenen Brunnen in den Garten der Villa La Petraia; die bekrönende Statue der „Venus“ stammte vom Bildhauer Giambologna 1572 (heute eine Kopie, das Original ist in der Villa zu besichtigen).



1829 wurde auf Wunsch von Leopold II. auf der Nordseite, hinter der Villa, ein englischer Landschaftspark nach dem Entwurf des böhmischen Gärtners Joseph Frietsch angelegt (nicht zu besichtigen), der zuvor bereits für die Erneuerung des Parks von Pratolino verantwortlich war. Kurz darauf, 1833, wurde auch die mit Kutschen befahrbare Straße erbaut, die die Medici-Villen von Petraia und Castello verbindet.
1859 gelangte die Villa in den Besitz des späteren Königs von Italien Viktor Emanuel II., der sie fünf Jahre später seiner morganatischen Ehefrau Rosa Vercellana überließ. Viktor Emanuel II. ließ den Innenhof mit einer filigranen Glas-Stahl-Konstruktion überdachen und nutzte ihn fortan als Tanzsaal. Das Treppenhaus wurde erneuert, eine Heizung eingebaut und die Räume neu stuckiert, bemalt und möbliert. Die Möbelstücke, Teppiche, Gemälde, Tapeten und weitere Stücke stammten von diversen Herrscherhäusern, deren Inventar dem Hause Savoyen zugefallen war.










1919 erhielt der italienische Staat die Villa zum Geschenk, der sie an die Opera Nazionale Combattenti weiterreichte. Diese Organisation wurde 1917 eingerichtet, um Kriegs- veteranen zu unterstützen, und existierte bis 1977. Die ONC verkaufte Teile des Mobiliars und des großen zur Villa gehörigen Grundstückes. In den 1960er Jahren gelangte La Petraia wieder in den Besitz des Staates und wird seit 1984 langsam restauriert.


Hinterlasse einen Kommentar