Wenn man in Florenz die Wände alter Bauwerke mit den Augen „abscannt“, so wie ich mir das angewöhnt habe 😉, kann man viele Dinge entdecken: diverse moderne Formen von Street Art (z.B. Bilder und aufgeklebte Gedichte), alte steinerne Embleme und Inschriften von Zünften, Verboten und vieles mehr. Um eine weitere vor allem aus Florenz und Umgebung überlieferte Form, buchette genannt, soll es im Folgenden gehen…
Damit werden kleine Löcher (il buco/ la buca = Loch, Öffnung) in der Hauswand bezeichnet, meistens in der Nähe von Fenstern oder Türen, die architektonisch oftmals wie kleine Portale gestaltet sind. Ihren Verwendungszweck geben einige noch heute preis, bei denen man Öffnungszeiten oder Verkaufshinweise lesen kann:




„Cantina“ wie im ersten und letzten Bild bedeutet „Weinkeller“ und „Vendita di vino“ wie im Titelbild „Weinverkauf“; d.h. wir haben hier kleine „Verkaufstresen“ für Wein! Doch woher stammt diese eigenartige Tradition, Wein aus solch kleinen Fenstern zu verkaufen?



Die Geschichte der Buchette
Alles begann damit, dass der politische Kampf der Medici-Familie um die Vorherrschaft in Florenz gegen Ende des 15./ Anfang des 16. Jahrhunderts die Stadt im Inneren wirtschaftlich erheblich schwächte. Die nicht in den Streit involvierten Adelsfamilien widmeten sich deswegen verstärkt der Landwirtschaft auf ihren vor den Toren der Stadt liegenden Grundstücken. Und zu deren bevorzugten Produkten gehörte seit langem Wein.
Nachdem im Jahre 1531 die Medici endgültig die Herrschaft über Florenz errungen hatten, veränderten sie aus politischen Gründen die bestehenden Machtverhältnisse, indem sie unter anderem den Einfluss der Zünfte beschränkten. Weil davon natürlich auch die „Arte dei Vinattieri“ (Zunft der Weinhändler) betroffen war, führte dies zu einem Einbruch im Weingeschäft. Dadurch verloren vor allem die Adelsfamilien ihren Absatzmarkt und Cosimo I. de‘ Medici, der revolutionäre Stimmungen unter den einflussreichen Familien vermeiden wollte, war wohl daraufhin ihnen gegenüber zu Zugeständnissen bereit. Aber erst am 28. Februar 1559, nachdem er durch die Einnahme von Siena die innertoskanischen Streitigkeiten beendet hatte, verfügte er, dass von da an Wein vom eigenen Gut „alla casa della loro abitazione“ (im eigenen Wohnhaus) verkauft werden darf.



Doch warum eröffneten die Adligen nicht einfach Läden in ihren Palazzi, sondern gaben den Wein durch die kleinen Fenster aus? Dies hängt ebenfalls mit den Unruhen in Florenz zusammen. Noch im späten 15. Jahrhundert wiesen viele florentinische Palazzi geeignete offene Loggien im Erdgeschoss auf, in denen die Besitzer oder Händler ihre Waren feilboten. Aus Sicherheitsgründen verschloss man diese aber während der politisch unsicheren Zeiten (diese Entwicklung könnt Ihr zum Beispiel am Palazzo Medici Riccardi nachvollziehen).



Vermutlich in Erinnerung an diese Situation hielt man es für sicherer, den Wein durch kleine, leicht verschließbare Fenster zu verkaufen. Zumeist findet man diese direkt neben einem Portal. Dahinter befand sich ein Raum, teilweise mit dem Keller verbunden, in dem die Weinflaschen von Angestellten gefüllt wurden. Die fiasco genannten Flaschen wiesen die auch heute noch in der Toskana bekannte bauchige Form auf und waren strohummantelt, damit beim Transport mehrerer diese nicht zerbrachen. Aufgrund der geringen Größe der Fenster konnte man jedoch meistens nur eine einzige Flasche durchreichen. Nebenbei scheinen auch kleine Speisen ausgegeben worden zu sein und, so heißt es, oftmals fiel auch für die Armen ein Teil ab, denen hier neben dem Wein unentgeltlich etwas Nahrung zur Verfügung gestellt wurde (hier überschneidet es sich thematisch mit den „Limosine“-Fenstern).








Heutiger Zustand
Interessant ist die Form der Fenster, bei denen es sich um hochrechteckige, oben abgerundete Öffnungen im Mauerwerk handelt. Manchmal besitzen sie statt der romanischen Bogenform einen Eselsrücken. Und manchmal imitieren sie mit ihrer Steinrahmung die Form des Portals des Palazzo. Eher selten findet man einfache, undekorierte Löcher.









Heute haben die buchette für gewöhnlich nicht mehr diese ursprüngliche Funktion (für Touristen wurde ein Fenster in der Via Santo Spirito wiedereröffnet). Wenn sie denn genutzt werden, dann dienen sie jetzt als Brief- oder Klingelkasten, für den Gaszähler, als Folie für Street Art-Künstler usw.
Associazione Culturale, Buchette del Vino
In Florenz lassen sich über 160 dieser Weinfenster nachweisen. Die 2015 gegründete Associazione Culturale, Buchette del Vino hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese virtuell zusammenzutragen. Schaut man sich die Verteilung auf der Karte an, fällt an einigen Straßen eine Häufung auf. Eventuell stand da ein Konkurrenzgedanke der verkaufenden bzw. spendenden Familien dahinter?
Zudem wird anhand der Seite ersichtlich, dass sich diese Tradition auch über die Stadtmauern von Florenz ausgebreitet hatte; einige dieser Weinlöcher finden sich sogar in Cortona, Pisa und Siena!









Beenden möchte ich diesen kurzen Überblick mit einem Sprichwort, dass eventuell in diesem Zusammenhang entstanden ist: „Wer guten Wein zu Hause hat, hat immer Flaschen an der Tür“ („chi ha buon vino in casa, ha sempre i fiaschi alla porta“).




Wer mehr zu diesem Thema erfahren möchte, findet online einen 44-seitigen italienischen Artikel (Massimo Casprini, I finestrini del vino «… di dove i vinai delle case signorili vendono il vino a firenze», Rivista di storia dell’Agricoltura, Bd. 46, 2006, S. 3-46) oder kann ein vom gleichen Autor 2016 erschienes Buch erwerben.
Neben der Bezeichnung buchette finden sich übrigens in Florenz noch folgende Namen für die Fenster: buche, finestrelle, finestrine, finestruole, mostre, nicchie, occhialini, porticine, porticelle, porticciole und sportellini.


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