Signori Otto di Guardia e Balìa

Historischer Hintergrund
Die Magistratur der Otto di Guardia e Balìa – kurz: Signori Otto – lässt sich in Florenz seit etwa der Mitte des 14. Jahrhunderts nachweisen. Trotz einer kurzzeitigen Absetzung und einer „Medicisierung“ 1532, um die mit immer mehr Befugnissen Ausgestatteten auf „Linientreue“ zu bringen, wurde die Magistratur erst nach über 400 Jahren aufgelöst.
Die Aufgabe der Signori Otto war es, in der Stadt für die innere Ordnung und Sicherheit zu sorgen sowie die Bekämpfung der Kriminalität zu koordinieren.
Die wichtigsten Informationen habe ich in einem separaten Artikel zusammengetragen.
Die Inschriften

Noch existente Signori Otto-Inschriften in Florenz (gelbe Punkte; Karte: Google Maps)
Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert hinterließen die Signori Otto in und um Florenz herum an Wänden ausgewählter Gebäude steinerne Inschriften mit Verboten. Unter Androhung von Strafen durfte beispielsweise kein Ball in der Nähe von Palazzi bedeutender Familien gespielt werden oder sich im Umkreis von 300 Ellen eines Klosters keine „unehrenhafte Frau“ (d.h. Prostituierte) aufhalten.
Im Rahmen meiner Recherchen konnte ich vor Ort und mit Hilfe von älterer Literatur bisher 134 Inschriften in und um Florenz herum nachweisen, von denen 107 noch heute existieren. Die meisten befinden sich im Zentrum der Stadt (s. Karte; ein Teil meiner Fotografien der Inschriften lässt sich abrufen über die Webseite der Photothek des Kunsthistorischen Institutes in Florenz), manche aber auch im weiteren Umkreis wie in Fiesole oder Signa. Die größte bisher nachgewiesene Entfernung beträgt rund 60 km – drei in Pescia und zwei in Poppi.
| Verbot | Anzahl |
|---|---|
| Spiel | 66 |
| Wände verunstalten | 35 |
| Verschmutzung | 30 |
| Lärm | 21 |
| Prostitution | 11 |
| Urinieren | 8 |
| Müll abladen | 6 |
| Verkauf | 3 |
| Tierhaltung | 4 |
| Waffengebrauch | 3 |
| Wagenfahrt | 1 |
| Feuer | 1 |
| Gesamt | 189 |
Die Tabelle enthält eine Aufzählung der Verbotsarten (da oftmals die Inschriften mehrere enthalten, ist die Anzahl der Verbote höher als die der bekannten Inschriften).
Projektziel

Inschrift der Signori Otto am Palazzo Vecchio
Mit den „bandi“ (Bekanntmachungen, aber auch Ächtungen) waren und sind die Signori Otto bis heute im Stadtbild präsent.
Mein Ziel ist die über die Grenzen Florenz‘ weit hinausgehenden Inschriften zusammenzutragen, den aktuellen Zustand zu dokumentieren – angesichts des immer weiter voranschreitenden Zerfalls, wie Vergleiche mit älteren Aufnahmen zeigen, ist hier Eile geboten – und sie zu katalogisieren.
Mit Hilfe von Quellen möchte ich den Hintergrund der Inschriften der Magistratur der Otto di Guardia e Balìa aufarbeiten, zu der bisher nur wenige explizite Publikationen erschienen sind. Zwar sind grundlegende Informationen bekannt, aber keine Details zu den konkreten Entscheidungsträgern, wer die Anbringung veranlasste, die Standorte bestimmte und so weiter und so fort…
Aus der Standortanalyse der Verbote lassen sich zudem Rückschlüsse über die Bedeutung bestimmter Bauwerke und über die Einwohner der Umgebung ziehen. Wenn man diese Informationen mit anderen Quellen kombiniert, wie zum Beispiel den von den Medicis mehrfach durchgeführten Erhebungen, ergeben sich interessante Erkenntnisse zur Sozialstruktur und den Gepflogenheiten der Bewohner (zu letztgenanntem Punkt initiierten die Departments of History der University of Toronto und der Brock University unter Nicholas Terpstra das Projekt DECIMA). Darüber hinaus lassen sich Vergleiche ziehen mit Verbotsinschriften der stadtrömischen Magistratur des Presidente delle strade sowie weiteren vereinzelt regional auftretenden in Pistoia, Siena und so weiter.
Eine bedeutende Informationsquelle für die Beantwortung all dieser Fragen bildet das Archivio di stato Firenze, das Florentinische Staatsarchiv. Berücksichtigt werden muss bei einer Begutachtung der zahlreich überlieferten Dokumente jedoch, dass diese oftmals die Sicht der Herrschenden, d.h. vor allem der Familie Medici, wiedergeben (s. die Geschichte der Verschwörung des Pandolfo Pucci).
Das Studium der historischen Dokumente der Magistratur der Otto di Guardia e Balìa, zusammen mit der Auswertung der von ihnen hinterlassenen steinernen Zeugen, eröffnet ein weiteres, bisher wenig beachtetes Kapitel in der Geschichte des „glorreichen“ Florenz‘. Die Resultate sollen in einer Publikation münden, in der die Magistratur in der Geschichte der Stadt verortet wird. Dort wird dann auch erläutert werden, wieso der heilige Antoninus von Florenz die Signori Otto von der Exkommunikation erlöst (s. Titelbild; Lünetten-Fresko im Kloster San Marco in Florenz von Lorenzo Cerrini gegen 1615).

Akte der Signori Otto aus dem 15. Jahrhundert
