Der ganze Streit kommt von den Bergwerken her, auf die der Mensch so versessen ist.1
Mit diesen Worten leitet Jupiter die Erläuterung zu einer Anklage ein, in der Fortuna ein Urteil sprechen möge. Die Göttin Terra (=Erde) hatte zuvor den Menschen beschuldigt, sie verletzt zu haben, indem er auf der Suche nach Erzen sie durchbohrt und ihr Innerstes durchwühlt habe. In ihrem Urteilsspruch zugunsten des Menschen verkündet Fortuna daraufhin, dass das nun mal seine Natur sei, der Mensch aber dafür auch mit den diversen Gefahren, die seine Unternehmungen mit sich bringen, leben müsse.
Im Folgenden skizziere ich die Entwicklung des erzgebirgischen Bergbaus mit dem Fokus auf die Herausbildung montanistischer Traditionen und ihr Fortbestehen während des Nationalsozialismus und der DDR bis in die heutige Zeit. Der geografische Schwerpunkt liegt auf der „Berghauptstadt“ Freiberg.
Inhaltsverzeichnis

Paul Schneevogel, Iudicium Iovis ad quod mortalis homo a terra tractus parricidii accusatus, Leipzig, um 1495, Frontispiz mit der Darstellung der Rechtsprechung
Einführung in den Erzgebirgischen Bergbau
Gegen 1490 hatte der Humanist Paul Schneevogel alias Paulus Niavis das antikische satirische Werk „Iudicium Iovis in valle amenitatis habitum“ (Das Urteil Jupiters im liebreizenden Tal) verfasst, das er im Raum Schneeberg ansiedelte und dem das obige Zitat entstammt. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Erzgebirge schon seit über drei Jahrhunderten die Erde „verwundet“ (noch ältere Spuren verweisen sogar in die Bronzezeit2): Nachdem gegen 1168 im damaligen Christiansdorf (heute Teil der Stadt Freiberg) Silber entdeckt worden war, hatte das erste „Berggeschrey“ zu einem raschen Bevölkerungszuwachs und der Entwicklung der „Stadt am freien Berge“ geführt.3
Nach dem Abebben der ersten Hochphase durch den Abbau der oberflächennahen Erze erforderte der anhaltende Reiz des Silbererzes zwangsläufig einen in die Tiefe gehenden Bergbau. Die damit verbundenen Schwierigkeiten – Materialtransport, Wasserab- und Luftzuführung – bedingten die Entwicklung neuer Techniken. Das parallel in der Renaissance aufkeimende generelle wissenschaftliche Interesse führte auch im Bereich des Montanwesens zu einer Ausweitung der Kenntnisse und resultierte in jahrhundertelang rezipierten Publikationen, die maßgeblich den europäischen, ja damaligen weltweiten Bergbau beeinflussten.4
Mit unterschiedlichen Intensitäten wurde seitdem im Freiberger Revier – und davon ausgehend auch im restlichen Erzgebirge – acht Jahrhunderte lang nach Silber, aber auch Blei, Zinn, Kobalt und anderen Mineralien geschürft, der Abbau anschließend verarbeitet und verhüttet.5 Der kontinuierliche, ökonomisch motivierte Drang, gefordert und gefördert durch das Wettinische Herrscherhaus, sorgte nicht nur für eine herausragende Stellung des Freiberger Bergbaus, ja generell des erzgebirgischen, sondern auch für eine einigermaßen konstante Einnahmequelle in der Region über eine lange Zeit. Der damit einhergegangene Reichtum lässt sich noch heute im Stadtbild Freibergs mit den vielen steinernen kirchlichen, öffentlichen und privaten Zeugen wie dem Dom mit der bekannten „Goldenen Pforte“, der Stadtkirche St. Petri, der Nikolaikirche, dem Rathaus und den zahlreichen vor allem Renaissance-Wohnbauten nachvollziehen, weshalb der historische Innenstadtkern komplett unter Denkmalschutz steht. Das überlieferte Ensemble darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die einfachen Berg- und Hüttenarbeiter kaum an dem Wohlstand partizipierten und ein verhältnismäßig karges Leben führten.








Folgen des Bergbaus
Die montanistischen Aktivitäten wirkten sich nicht nur erheblich auf die geomorphologische Struktur der Region aus, sondern führten auch infolge des Bedürfnisses nach juristischer Sicherheit zur Herausbildung eines der ersten Bergrechte auf deutschem Boden, welches in der Folge die allgemeine Rechtsprechung beeinflussen sollte. Die zentralistische Koordination des erzgebirgischen Montanwesens durch die Landesherren mittels der regionalen Bergämter und ab dem späten 16. Jahrhundert durch das in Freiberg angesiedelte Oberbergamt bedingte wiederum den Aufbau einer entsprechenden organisatorischen Infrastruktur, deren Führungsschicht ökonomische und ingenieurtechnische Kenntnisse aufwies.6
In Phasen der bergbaulichen Stagnation oder sogar Rezession verlegten sich die im Umgang mit Holz erfahrenen Bergarbeiter verstärkt auf die Produktion von Kunsthandwerk. Über Jahrhunderte bildete sich so seit mindestens der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das heute so typisch für das Erzgebirge geltende Formenrepertoire heraus.7


Vor allem in der Weihnachtszeit sind in der Region, und längst weit darüber hinaus, Schwibbögen, Räuchermännchen, Nussknacker und Pyramiden in den Fenstern der Häuser zu sehen. Lag auch ursprünglich die Herstellung der heute bekannten Produkte „Made in Erzgebirge“ in der Aufbesserung des kärglichen Einkommens der niederen Bergarbeiterschichten begründet, so zeugt die sich häufende Verwendung von berg- und hüttenmännischer Motivik doch von einer gleichzeitig selbstbewusst angewendeten Symbolik, die bis zum heutigen Tage eine hohe identifikationsstiftende Wirkung aufweist und auch von außen als Kennzeichen der Region wahrgenommen wird.
In den erzgebirgischen Ortschaften finden sich heute überall auch entsprechende Zeugnisse beispielsweise an Häuserwänden oder Portalen. Im Freiberger „Schönlebehaus“ haben sich sogar barocke Fresken mit Motiven nach Georgius Agricolas „De re metallica libri XII“ erhalten; die dem Haus den Namen gebende Familie stiftete im Dom zudem die „Bergmannskanzel“.8






Weitere immaterielle Traditionen
Neben dem erzgebirgischen Kunsthandwerk, dessen Bedeutung 2025 mit der Aufnahme in das deutsche Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe gewürdigt wurde, bildeten sich über die Jahrhunderte weitere Traditionen heraus, die bis heute in Vereinsstrukturen wie den Knapp- und Bruderschaften bewahrt werden. Hierzu zählen beispielsweise die zahlreich überlieferten bergmännischen Lieder, die sogenannten Bergreihen, deren Ursprünge in Verbindung mit den Knappentänzen stehen.9
Für einen hohen Wiedererkennungswert des Berg- und Hüttenmannes im Stadtbild sorgte dessen Festkleidung, der sogenannte Habit,10 der sich ab dem 17. Jahrhundert zur Paradeuniform des Berufsstandes entwickelte und dessen Form, Ausstattung und Farben die jeweiligen Träger zeitlich, funktional und regional einordnen lassen. Anfänglich als teure Bevormundung angesehen – die Kleidung musste auf Befehl der Obrigkeit angeschafft und von den Besitzern finanziert werden – stärkte im Laufe der Zeit das Tragen der Habits das innere Gemeinschaftsempfinden und sorgte gleichzeitig für eine einheitliche Wahrnehmung des Berufsstandes nach außen. Am einprägsamsten kam das bei den Bergaufzügen/ ‑paraden zur Geltung, die zu verschiedenen Anlässen – z.B. an Festtagen, bei Beerdigungen, als Ehrenbekundung für hohe Adelige und Beamte oder zur Bekräftigung der Interessen der Knapp- und Brüderschaften – stattfanden und für Freiberg seit dem 16. Jahrhundert überliefert sind.11 Die Teilnehmerzahlen schwankten hierbei von 25 bis über 3.500 Berg- und Hüttenleute, wobei mitunter auch andere erzgebirgische Reviere an den Aufwartungen beteiligt waren. Eine sächsische Besonderheit stellte zudem das Mitwirken von Musikern dar, die ebenfalls im Habit paradierten.




Auch häufig verwendete Ausdrücke fanden Eingang in das regionale und überregionale Sprachgut. Am bekanntesten hierbei ist das „Glück auf!“, das für ein erfolgreiches Aufschließen einer Ader und eine sichere Wiederauffahrt aus dem Bergwerk steht und heute einen gängigen Gruß im Erzgebirge und weiteren Bergbauregionen darstellt; Bezeichnungen wie „Betrieb“, „Schicht“, „vor Ort“ usw. sind sogar längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen.12
Ende und Wiederaufnahme des Bergbaus
Aufgrund günstigerer Überseeimporte und der Ablösung des Silber- durch den Goldstandard in Deutschland sank der Preis ab 1870 rapide, wodurch immer mehr Bergwerke in wirtschaftliche Not gerieten. Das Königreich Sachsen reagierte mit der Übernahme der Gruben und dem Versuch, durch Zusammenlegung und Modernisierung diese rentabler zu machen, konnte damit aber die langfristige Entwicklung nicht aufhalten. 1913 wurden daher in Freiberg die letzten noch verbliebenen Bergwerke geschlossen, während in anderen Regionen des Erzgebirges das Schürfen nach Erzen wie beispielsweise Nickel in Schneeberg und Zinn in Altenberg noch fortgesetzt werden konnte. An den etablierten Traditionen nach mehr als 800 Jahren Tätigkeit untertage hielt man aber weiterhin fest und veranstaltete als Erinnerung gelegentlich Bergparaden.13
1934 veranlasste der Wunsch nach einer auslandsunabhängigen Versorgung mit Rohstoffen für den anfangs geheimen Aufbau der Rüstung das nationalsozialistische Regime, sich auch mit der Wiederaufnahme der Bergbauaktivitäten im Erzgebirge zu beschäftigen.14 Nach dem Abschluss der notwendigen Aufwältigungsarbeiten wurde der Abbau wieder aufgenommen, mit Ende des Zweiten Weltkrieges aber erneut eingestellt. Auch die Brauchtumspflege erfuhr in dieser Phase einen neuen Schub, nun aber ideologisch eingezwängt mit dem Ziel, die Kultur und das Wesen des Deutschen gegenüber dem Nichtdeutschen hervorzuheben und zu fördern. In diesem politisch vereinnahmten Kontext fanden ebenfalls gelegentlich Bergparaden statt.15
„Ich bin Bergmann, wer ist mehr“
Rund ein Jahr nach dem Ende des vom NS-Regime verursachten verheerenden Weltkriegs nahm die Sowjetische Militäradministration im Raum Freiberg den Bergbau erneut auf, übertrug ihn 1950 aber dem VEB Bleierz Freiberg (ab dem Folgejahr VEB Bleierzgruben „Albert Funk“).16 Elf Jahre später übernahm das neugegründete VEB Bergbau- und Hüttenkombinat „Albert Funk“ Freiberg (BHKF) diese Tätigkeiten bis zur endgültigen Einstellung des Bergbaus im Revier 1969, wobei das BHKF als Verhüttungs- und Forschungsbetrieb bis zur Privatisierung 1990 weiter arbeitete.
Aufgrund der Bedeutung des Bergbaus für die Rohstoffversorgung der DDR, aber auch für den sowjetischen Uranbedarf (s. SDAG Wismut), förderte man seitens des Staates das Zusammengehörigkeitsgefühl, aber auch die Außenwahrnehmung der Kumpel – bekanntgeworden ist in diesem Zusammenhang der wohl durch den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl um 1950 herum geprägte Ausspruch: „Ich bin Bergmann, wer ist mehr“ – und verbesserte zudem die materielle Situation der Kumpel, um so einen größeren Arbeitsanreiz zu schaffen.17 Des Weiteren führte man den „Tag des Bergmannes“ ein, an dem ideologisch geprägte Feierlichkeiten, Ehrungen und mitunter Paraden stattfanden, welche in Freiberg vom BHKF organisiert wurden.18
Gleichzeitig aber tat man sich schwer im Umgang mit den teils jahrhundertealten Brüderschaften. Sofern diese sich nicht aufgrund der drohenden nationalsozialistischen Gleichschaltung aufgelöst hatten, waren sie nach dem Ende des selbsternannten „Dritten Reiches“ 1945 verboten worden. Der rasch aufflammende Wunsch nach Reaktivierung wurde von den neuen Partei- und Kulturfunktionären teilweise als „Heimattümelei“ und „Nostalgie“ diffamiert und abgelehnt,19 letztlich aber mit Verzicht auf einen Vereinsstatus regional geduldet. So konnten sich beispielsweise im Erzgebirge Guppierungen halten und 1957 einen Arbeitskreis einrichten, um – nach eigener Aussage – gemeinsam den Bestrebungen einer sozialistischen Umgestaltung etwas entgegensetzen zu können.20
Die einzige Möglichkeit, öffentlich und überregional wirken zu können, bestand für die ehemaligen Vereinsmitglieder darin, in den im Jahr 1945 gegründeten, staatlich organisierten und kontrollierten Kulturbund (ab 1972 mit dem Zusatz der DDR) einzutreten, der in thematische Sektionen strukturiert war.21 Mit der Entmachtung Walter Ulbrichts 1971, des „Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der DDR“, vollzog sich auf Betreiben seines Nachfolgers Erich Honecker ein kulturpolitischer Richtungswechsel hin zu einer „sozialistischen Nationalkultur“, die ein neues Geschichtsbewusstsein und eine damit verbundene stärkere Beschäftigung mit dem historischen Erbe mit sich brachte, natürlich immer im Einklang mit den staatspolitischen Zielen.22
Der Generaldirektor des VEB Bergbau- und Hüttenkombinats „Albert Funk“ Freiberg, Otto Ritschel, erinnerte sich in diesem Zusammenhang, dass er anlässlich eines Besuchs bei der Bergbrüderschaft Ehrenfriedersdorf sein Interesse an der Traditionspflege bekundet habe. „Auch der Kulturbund der ehemaligen Bezirksstadt Karl-Marx-Stadt“, so Ritschel, „forderte vom Kombinat Wege zur Traditionspflege in Form von Unterstützung der Brüderschaften und der Bildung einer Bergparade“23. Dem letztgenannten Wunsch habe er Mitte der 1970er Jahre entsprochen. Allerdings zog sich wegen diverser Probleme – zu den finanziellen und materiellen kamen personelle hinzu und zudem musste anfänglich große Überzeugungsarbeit geleistet werden – die Realisierung dieses Projektes hin. Zur 800-Jahr-Feier der Stadt am 4. Juli 1986 konnte schließlich wieder eine große historisierende Bergparade in Freiberg abgehalten werden.24 Über 250 Uniformierte, vorrangig Mitarbeiter des BHKF, und 40 Musiker der Blaskapelle des Kombinates zogen vor mehr als 100.000 Besuchern auf und begründeten damit eine jährlich zum Stadtfest zelebrierte Tradition.
Hierfür produzierte Erinnerungsartikel mit montanistischen Motiven, die die regionale Bedeutung des Bergbaus widerspiegelten, können ebenfalls schon auf eine lange Tradition in Freiberg und dem Erzgebirge zurückgeführt werden. Ab dem 16., verstärkt ab dem 18. Jahrhundert lassen sich entsprechende Darstellungen von Berg- und Hüttenleuten, den Insignien,25 Werken und Halden auf Druckgrafiken beziehungsweise später Ansichtskarten nachweisen, aber auch auf Bierkrügen, Spielkarten, Notgeld, Plaketten aus Leder und Porzellan, Medaillen, Holz-, Glas-, Porzellan- und Zinnobjekten.26
Im Rahmen des SED-geprägten Mythos der DDR als „Arbeiter- und Bauernstaat“ hielt man diese Tradition auch nach 1945 aufrecht und förderte Kunst, die sich dem Bergbau widmete,27 verwendete diese Motivik aber auch in der Gebrauchskunst. Beispielsweise wurde 1965 anlässlich der 200-Jahr-Feier der Bergakademie Freiberg der Grafiker Werner Klemke mit dem Entwurf einer Briefmarkenserie beauftragt, für die ihm als Inspirationshilfe Zeichnungen aus Agricolas Hauptwerk zur Verfügung gestellt wurden.28 1978 – also neun Jahre nach dem Ende des Freiberger Bergbaus – entstanden wiederum Briefmarken mit Paradetrachten aus dem Berg- und Hüttenwesen sowie im Folgejahr vom Kulturbund der DDR Kreisorganisation Freiberg ein mit gleichen Motiven versehenes Großkarten-Set „aus Anlaß des 30. Jahrestages der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik“29.
1986 erging wie an sämtliche produzierende Betriebe der DDR auch an das Bergbau- und Hüttenkombinat auf Direktive des XI. Parteitages der SED die Aufforderung, mindestens fünf Prozent der Kapazitäten in die Konsumgüterproduktion zu investieren, um so dem grundsätzlichen Mangel an zahlreichen Alltagsprodukten entgegenzuwirken.30 Das BHK produzierte daraufhin, teilweise in Kooperation mit anderen Unternehmen, unter anderem Glas-, Holz- und Zinngegenstände mit berg- und hüttenmännischen Darstellungen sowie, wie schon angedeutet, parallel diverse Memorabilien zur 1986er-Bergparade.31
Abschluss



Die Erinnerung an die über acht Jahrhunderte währende Zeit des Bergbaus wurde in der Region unter sämtlichen politischen Systemen aufrechterhalten und so nahm es nicht wunder, dass sogleich mit dem Ende der DDR die neu gewonnene Freiheit genutzt wurde, die bestehenden AGs und IGs in Vereine umzuwandeln bzw. neue, der Traditionspflege verpflichtete zu gründen. Zahlreiche Ehrenamtliche kümmern sich seitdem um die Bewahrung und Sanierung der noch existenten Hinterlassenschaften und die Erinnerung an die große montanistische Epoche. Ihrer hohen Bedeutung für die generelle Entwicklung des Bergbaus wegen wurde der grenzüberschreitenden Kulturlandschaft Erzgebirge/Krušnohoří 2019 sogar der UNESCO-Welterbe-Status verliehen.32
Auch wenn es manchmal so scheint, die Zeit ist nicht stehengeblieben im Erzgebirge. Einige Regionen wie Freiberg – heute Teil des „Silicon Saxony“ – haben den Strukturwandel zu einem bedeutenden Technologiestandort gemeistert, andere, wie Johanngeorgenstadt haben mit einem großen Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Trotzdem ist das Erzgebirge noch immer eine der am dichtesten besiedelten Gebirgsregionen Europas, deren historische Bedeutung überall zu spüren ist.
Sichtbar wird dieses Erbe vor allem zur Weihnachtszeit, wenn überall Pyramiden sich leuchtend drehen, Nussknacker in den Fenstern stehen, der Qualm der Räucherkerzen aus den „Rachermannln“ seinen aromatischen Duft verströmt und allerortens Bergparaden stattfinden… Die folgende erzgebirgische Redewendung hat in der Tat bis heute ihre Bedeutung nicht verloren: „’s kimmt alles vun de Bargleit haar“ (es kommt alles von den Bergleuten her).





- Paul Krenkel, Iudicium Iovis oder Das Gericht der Götter über den Bergbau. Ein literarisches Dokument aus der Frühzeit des deutschen Bergbaus, Berlin 1953 (=Freiberger Forschungshefte, Reihe D, Bd. 3), S. 37. ↩︎
- So konnten Archäologen bei Schellerhau mittel- und spätbronzezeitlichen Zinnabbau nachweisen; vgl. Johann Friedrich Tolksdorf, Christiane Hemker, Matthias Schubert, Bronzezeitlicher Zinnseifenbergbau bei Schellerhau im östlichen Erzgebirge, Sachsen, Der Anschnitt 71, 2019, H. 5-6, S. 223-233 (hier abrufbar als PDF). Daraus hat sich das Forschungsprojekt „ArcheoTin“ entwickelt. ↩︎
- Zum Silberfund vgl. Uwe Richter, Zum Zeitpunkt der Entdeckung der silberhaltigen Erze, in: SAXONIA-FREIBERG-STIFTUNG (Hrsg.), Gelebte Tradition. Die Silberstadt Freiberg im Spiegel der Montangeschichte, Freiberg 2018, S. 25-32. Zur Baugeschichte der Stadt vgl. die Beiträge in Yves Hoffmann und Uwe Richter (Hrsg.), Denkmale in Sachsen. Stadt Freiberg. Beiträge. Band I, Freiberg 2002. ↩︎
- Als Beispiel seien hier nur die Bücher von Ulrich Rülein von Calw genannt, wie „Eyn wohlgeordnet und nützlich büchlein, wie man bergwerk suchen und finden soll“, erschienen in Augsburg 1505, und das bedeutendste, „De re metallica libri XII“ von Georgius Agricola von 1556. Letzteres wurde rund 80 Jahre nach der Drucklegung sogar in die chinesische Sprache übersetzt; vgl. Hans Ulrich Vogel, „Das wird gewiss die Staatskasse füllen!“ Johann Adam Schall von Bells chinesische Übertragung von Agricolas De re metallica libri XII im Jahre 1640, Vortrag im Agricola-Forschungszentrum Chemnitz, https://www-user.tu-chemnitz.de/~fna/27vogel.pdf (abgerufen am 26.10.2020). Für eine Zusammenfassung der renaissancezeitlichen Ereignisse vgl. Helmuth Albrecht, Der Silberboom der Renaissance und die Vorgeschichte der Industrialisierung, in: Thomas Spring (Hrsg.), 500 Jahre Industriekultur in Sachsen, Dresden 2020, S. 49-59. ↩︎
- Vgl. hierfür vor allem Otfried Wagenbreht und Eberhard Wächtler (Hrsg.), Der Freiberger Bergbau. Technische Denkmale und Geschichte, Leipzig 1986. ↩︎
- Vgl. Eberhard Wächtler, Mit Schlegel und Eisen. Von Bergleuten und Bergbautraditionen, Leipzig 1996, S. 20-25. Zum Oberbergamt vgl. Präsident des sächsischen Oberbergamtes (Hrsg.), 450 Jahre Sächsisches Oberbergamt Freiberg. Festschrift, Freiberg 1993. ↩︎
- Vgl. Werner Pflugbeil, Zur geschichtlichen Entwicklung der bergmännischen Holzschnitzerei im Erzgebirge, in: Sächsische Heimatblätter, H. 1, 1972, S. 5. ↩︎
- Vgl. Herbert Pforr, Freiberger Silber und Sachsens Glanz. Lebendige Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Berghauptstadt Freiberg, Leipzig 2001, S. 111-113 und 120-123, und für weitere Kunst-Beispiele Heinrich Winkelmann, Der Bergbau in der Kunst, Essen 1958. ↩︎
- Vgl. für die Region die fünf Liederbücher des Sächsische Bergmannslieder e.V. mit Verweis auf weitere Literatur. Zu den Knappentänzen bereitet der Autor gerade ein Projekt vor. ↩︎
- Die Bezeichnung „Habit“ ist aus dem Lateinischen „habitus“ über das Französische in das Mittelhochdeutsche entlehnt worden. Die anfängliche generelle Bedeutung „Kleidung“ entwickelte sich dabei zu einer speziellen Bezeichnung für die kirchliche Ordenstracht bzw. die Kleidung der Bergmänner; vgl. „habit, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=H00424> (abgerufen am 30.03.2025). Zum Habit generell vgl. Gerhard Heilfurth, Der Bergbau und seine Kultur. Eine Welt zwischen Dunkel und Licht, Zürich 1983, S. 106-116, und speziell zum sächsischen Knut Neumann, Uniformen der Berg- und Hüttenleute im sächsischen Montanwesen. Nach dem Freiberger Fuß aus dem Jahre 1768, 2. Aufl., Freiberg 2008. ↩︎
- Aufgrund ihrer regionalen Bedeutung wurden die bis heute stattfindenden sächsischen Bergparaden 2016 in das UNESCO-Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe“ aufgenommen; vgl. https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/bergparaden-sachsen (abgerufen am 10.11.2020). Vgl. für die Freiberger speziell Sabine Ebert und Knut Neumann, Freiberger Paraden. Geschichten und Geschichte zur Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft, Freiberg 1992.
Bis zur Entlehnung des Wortes „Parade“ aus dem Französischen gegen Ende des 17. Jahrhunderts (vgl. „parade, f.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=P00858>, abgerufen am 30.03.2025) war die Bezeichnung „Bergaufzug“ gebräuchlich. Seitdem werden von den Autoren die Begriffe synonym verwendet; vgl. z.B. Carl Robert Hoffmann, Der belehrende Bergmann. Ein fassliches Lese- und Bildungsbuch für Kinder und Erwachsene, Lehrer und Laien, Pirna 1830, S. 105-109, und Gustav Eduard Benseler, Geschichte Freibergs und seines Bergbaues, Bd. 2, Freiberg 1853, S. 1119 (im Register nahm Benseler aber nur „Aufzug“ auf). Die Reduzierung der Verwendung von „Parade“ auf das Passieren hochgestellter Persönlichkeiten, wie sie Wilsdorf postuliert (vgl. Helmut Wilsdorf, Zur Geschichte der erzgebirgischen Bergbrüderschaften und Bergknappschaften, Folklorezentrum Erzgebirge/Vogtland, in: Glück auf. Beiträge zur Folklorepflege, H. 23/24, Schneeberg 1986, S. 57), lässt sich daher nicht so pauschalisieren. ↩︎ - Vgl. Heilfurth 1983 (wie Anm. 10), S. 137f., S. 277-286. „Vor Ort“, um hier ein Beispiel zu konkretisieren, bedeutet im Bergbau das Ende eines Stollens; vgl. „ort, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=O02320> (Abschnitt II. ɣ, abgerufen am 30.03.2025). ↩︎
- Zum Ende des Silberbergbaus vgl. Wolfgang Jobst, Wolfgang Rentzsch, Wolfgang Schubert und Klaus Trachbrod, Bergwerke im Freiberger Land, Freiberg 1993, S. 28-33. Zu abgehaltenen Paraden zwischen 1912 und 1936 vgl. u.a. Sächsisches Staatsarchiv, Bergarchiv Freiberg (im Folgenden BA), Best. 40024, Sign. 01-37, „Uniform, Waffentragen der Beamten und Arbeiter des Privatbergbaus“. ↩︎
- Vgl. Jobst et.al. 1993 (wie Anm. 13), S. 39-42. ↩︎
- Vgl. Erzgebirgsverein e.V. (Hrsg.), 125 Jahre Erzgebirgsverein, Marienberg 2003, S. 37. Mindestens 1936, zur Zeit der Olympiade in Berlin, fand ein Bergfest mit Aufzug auf dem Freiberger Obermarkt statt (vgl. BA Sign. 40028, Nr. 3-1142) sowie zur 750-Jahr-Feier der Stadt 1938; vgl. Jens Fleischer: Die 750-Jahr-Feier der Stadt Freiberg 1938 (= Befahrungen, H. 2), 1999. ↩︎
- Vgl. Heinz Schulz, Von der Sachsenerz Bergwerksgesellschaft mbH zum VEB Bleierz Freiberg. Freibergs Bergbau in den Jahren von 1937 bis 1950, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, H. 108, 2014, S. 187-2019, und zur weiteren Geschichte des Kombinates Bernd-Erwin Schramm, Vom Bergbau- und Hüttenkombinat Freiberg zur SAXONIA AG Metallhütten und Verarbeitungswerke. Auf dem Weg zur deutschen Einheit – eine Reportage, Freiberg 2020. ↩︎
- Vgl. Juliane Schütterle, Kumpel, Kader und Genossen: Arbeiten und Leben im Uranbergbau der DDR, Paderborn u.a. 2010, S. 179-183. Gerade das Ansehen der oftmals von außerhalb kommenden Uran-Kumpel war in den ersten Jahren bei der einheimischen Bevölkerung schlecht, da es unter diesen häufig zu Streitereien kam. ↩︎
- Vgl. Rudolf Mirsch, Zum Tag des Bergmanns, in: Mitteilungen des Mansfelder Berg- und Hüttenleute e.V., Nr. 81, 3/2006, S. 2-6. Paraden fanden beispielsweise 1957, 1963, 1964 und um 1980 statt; vgl. BA Best. 40095, Sign. 2-N3992 bis 2-N4001, 1-133, 1-134 und 2-Q3783. An diesen nahmen nun auch die Wismut-Kumpel teil; vgl. Schütterle 2010 (wie Anm. 17), S. 183. ↩︎
- Vgl. Erzgebirgsverein 2003 (wie Anm. 15), S. 41-45. ↩︎
- Vgl. Siegfried Schilling, Der Sächsische Landesverband im Bund Deutscher Bergmanns- Hütten- und Knappenvereine, in: Sächsischer Landesverband e.V. im Bund Deutscher Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine e.V. (Hrsg.), Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt, … Die Vereine des Sächsischen Landesverband e.V. im Bund Deutscher Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine e.V. stellen sich vor, Marienberg 1999, S. 8-10, hier S. 9. ↩︎
- Vgl. Andreas Zimmer, Der Kulturbund in der SBZ und in der DDR. Eine ostdeutsche Kulturvereinigung im Wandel der Zeit zwischen 1945 und 1990, Wiesbaden 2019, S. 103-111. ↩︎
- Ebd., S. 479. ↩︎
- Otto Ritschel, Erste Gedanken, in: Historische Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft e.V. (Hrsg.), 15 Jahre Historische Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft (= Befahrungen, H. 3), 2001, S. 18. ↩︎
- Vgl. zusätzlich zu den bisher genannten Publikationen Knut Neumann, Freiberger Berg- und Hüttenparade. Anläßlich des Tages des Bergmannes und Energiearbeiters und der 800-Jahr-Feier der Stadt Freiberg 1986, Freiberg [1986]. ↩︎
- Vgl. hierfür und für weitere Symbole Heilfurth 1983 (wie Anm. 10), S. 266-277. ↩︎
- Vgl. Manfred Bachmann (Hrsg.), Der silberne Boden. Kunst und Bergbau in Sachsen, Leipzig 1990, Deutsches Bergbau-Museum Bochum (Hrsg.), Ein fein bergmannig Porcelan. Abbilder vom Bergbau in „weißem Gold“, Essen 1999, und für die Memorabilien der 750-Jahr-Feier von 1938 Fleischer 1999 (wie Anm. 15), S. 19-24. ↩︎
- Vgl. Eberhard Neubert, Bemerkungen zur Darstellung des Bergmanns in der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Beiträge zur Geschichte des Bergbaus, Hüttenwesens und der Montanwissenschaften, Band III (=Freiberger Forschungshefte, Reihe D, Bd. 52), Leipzig 1966, Abb. 6, 16, 21, 23, 27 und 28. ↩︎
- Vgl. Eberhard Wächtler, Die 200-Jahr-Feier der Bergakademie Freiberg 1965, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, H. 108, 2014, S. 221-258, hier S. 233. ↩︎
- Einige dieser Objekte sind im Archiv der SAXONIA-FREIBERG-STIFTUNG überliefert und lassen sich digital über museum-digital:collectors abrufen. Zum Freiberger Kulturbund vgl. Gisela-Ruth Engewald, Regionale Heimatgeschichte Freiberg im Kulturbund der DDR (1945 bis 1990), in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins, H. 104, 2010, S. 171-176. ↩︎
- Vgl. Schramm 2020 (wie Anm. 16), S. 32-36. ↩︎
- Beispiele hierfür finden sich in der Sammlung der SAXONIA-FREIBERG-STIFTUNG (s. Anm. 29) und des Historischen Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft e.V. (HFBHK; s. museum-digital:collectors). ↩︎
- Vgl. https://www.unesco.de/staette/montanregion-erzgebirgekrusnohori/ (abgerufen am 30.03.2025). ↩︎


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