Italiener gelten im Allgemeinen ja als kinderfreundlich. Daher nimmt es nicht wunder, dass es angeblich Fenster in Florentiner Palazzi gibt, die schon vor Jahrhunderten extra für Kinder eingerichtet wurden. Dem gehe ich heute auf die Spur…
Die Fassaden der so zahlreichen Palazzi in Florenz sind so unterschiedlich wie deren Bewohner. Große und kleine Fenster in verschiedenen Höhen und mit unterschiedlichen Verzierungen. Hier soll es nun um auffällig kleine Fenster gehen. Dabei meine ich nicht Fenster, die gleich klein über die gesamte Fassade verteilt sind, sondern Fassaden mit zumeist großen Fenstern, in denen aber auch kleine, teilweise vergitterte zu sehen sind.
In Florenz heißt es, dass diese oft für Kinder gewesen seien, die so gefahrlos dem Treiben auf der Straße von oben zuschauen konnten. Aber das trifft nicht auf alle zu, wie ich Euch zeigen möchte. 😉 Je nach Lage des Fensters gibt es (mindestens) drei mögliche Funktionsdeutungen:
Fenster für
1. Kinder
2. Belüftung / Beleuchtung
3. Portineria



Woran erkennt man diese nun?
1. Fenster für Kinder (Finestrelle dei Bambini)
Wer schon einmal versucht hat, in einem traditionellen Florentiner Palazzo der Hoch- und Spätrenaissance aus einem Fenster zu schauen, weiß, dass sie für gewöhnlich in einer höheren Position als gewohnt beginnen. Das heißt, dass im Innenraum der Abstand vom Fußbodenniveau bis zur Fensterunterkante recht hoch ist.
Wieso sind die Etagen der Palazzi so hoch?
Die frühen Wohnbauten der Stadtaristokratie – die Wohntürme – strebten auf relativ kleinem Grundriss weit in die Höhe. Nachdem die Stadtverwaltung dies unterbunden hatte, orientierten sich die reichen Bewohner nun in die Fläche, erwarben weitere Grundstücke und so wandelte sich die Form der Wohnbauten von schmal und hoch zu breit. Den wehrhaften Charakter – gut erkennbar durch das massive, hohe Mauerwerk, unterbrochen von wenigen Fenstern im Erdgeschoss – behielten diese jedoch bei.
Im Laufe der Zeit „wuchsen“ die Palazzi immer mehr in die Fläche. Da aber die Proportion von Palazzobreite zu Etagenhöhe relativ konstant blieb, wirkt es so, als hätte man die Palazzi wie einen Luftballon aufgeblasen! Als Resultat wurden die Etagen, also letzlich die Räume immer höher, außen wie innen. Eines der extremsten Beispiele hierfür stellt in Florenz der Palazzo Strozzi dar, bei dem auch der Dekor wie die Pferde- und Fackelhalter in solche Formate gesteigert wurde, dass sie keine praktische Funktion mehr aufwiesen.
Gerade kleine Kinder haben ohne Hilfe keine Möglichkeit, die Fensterbänke zu erreichen. Um Ihnen trotzdem den Ausblick auf den Trubel in der Straße zu ermöglichen, hat man zusätzliche kleine Fenster eingerichtet.
Die finestrelle dei bambini befinden sich zumeist in der ersten Etage mittig unterhalb eines großen Fensters. Aus Schutzgründen weisen sie gewöhnlicherweise geschmiedete Gitter auf, welche über die Fassade hinaus ragen und teilweise künstlerisch gut ausgearbeitet sind.
Folgende Beispiele hierfür finden sich in Florenz:



2. Fenster für Belüftung / Beleuchtung
Kleine Fenster, die sich zwischen den Hauptetagen befinden, dürften vorrangig zur Belüftung und Beleuchtung der Zwischenetagen oder Treppenanlagen dienen. Während sie in den frühen Palazzi noch regelmäßig zwischen den Hauptgeschossen verteilt waren (siehe Palazzo Davanzati und Palazzo dei Mozzi), sind sie später unregelmäßiger an der Fassade platziert; eventuell bedingt durch einen späteren Einbau. In den oberen Stockwerken fehlen zudem die Gitter, da sie aus Sicherheitsgründen hier nicht notwendig waren.
Vermutlich haben die Fenster, die sich mittig direkt oberhalb von großen befinden, die gleiche Funktion.











3. Portineria
Neben den Eingängen findet man des Weiteren zumeist kleinere Fenster. Dahinter befand sich die Portiersloge. Durch das Fenster konnte der Portier nachschauen, wer geklopft hat und fragen, was das Begehr der Person war. Aus Sicherheitsgründen sind diese natürlich vergittert.
Oft sieht man nahe des Portals bzw. Portalfensters eine weitere kleine Öffnung, säuberlich gemauert und oben abgerundet. Hierbei handelt es sich um Weinfensterchen (Buchetto del vino), aber das ist eine andere Geschichte. 🙂



Ich möchte hier noch darauf hinweisen, dass eine Deutung oftmals von außen nicht so eindeutig ist; für eine Verifizierung muss natürlich jeweils die Baugeschichte des entsprechenden Palazzo konsultiert werden.


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