Schaut man sich beim Flanieren in Florenz die alten Gebäude im Stadtzentrum an, findet man häufiger Reste von Türmen. Was es mit diesen im deutschen Sprachgebrauch als „Geschlechtertürme“ bezeichneten Bauwerken auf sich hat und seit wann diese die Stadt beziehungsweise einen Großteil der Toskana „bevölkern“, könnt Ihr im folgenden Beitrag lesen.
Einleitung – Türme
Turmbauten lassen sich schon seit Tausenden von Jahren nachweisen: Ob der Turm von Jericho – mit rund zehntausend Jahren das bisher älteste bekannte Beispiel –, die mesopotamischen Zikkurate oder der Leuchtturm von Pharos, schon früh wollte der Mensch architektonisch hoch hinaus. Er entwickelte hierbei ganz unterschiedliche Grundrissformate – rechteckig, quadratisch oder rund – für unterschiedliche Funktionen. Einer wichtigen Aufgabe kamen Wacht- und Wehrtürme zu, welche freistehend oder als Teil von Stadtmauern oder Burganlagen als Beobachtungs- und Verteidigungsposten dienten.
Ebenfalls schon lange nachweisen lassen sich wehrhafte Wohntürme, so wie vermutlich bei den sardischen Nuraghen, die zwischen etwa 1.600 und 400 v. Chr. gebaut wurden. Diese wiesen starke Mauern und oftmals mindestens ein zweites, über eine Treppe betretbares Innengeschoss auf. Auffällig ist, dass sie in Siedlungen mitunter recht nah beieinander standen, so dass sie hier eventuell als ein Symbol konkurriernder bzw. rivalisierender Familien zu interpretieren sind.

Ob diese ehemals geschätzten 10.000 Nuraghen und die relative Nähe Sardiniens zur toskanischen Küste einen Einfluss auf die späteren Geschlechtertürme ausgeübt haben, um die es hier gehen soll, ist unbekannt.
Entstehung und Zweck der Geschlechtertürme
Laut dem Kunsthistoriker Wilfried Koch liegen die Anfänge der toskanischen Variante ebenso wie des Bergfrieds „in der Turmhügelburg (Motte), die auf normannische Gepflogenheiten zurückgeht und bis zum 15. Jahrhundert vorkommt“ (Baustilkunde, Bd. 2, 1998, S. 298). Diese Bauform haben die erstarkenden sowie sich wirtschaftlich und politisch bekämpfenden Oberschichten, die Adels- und Handelsfamilien (Patrizier), von den Landsitzen in die Städte gebracht, weshalb die Türme im Deutschen den altmodischen Begriff „Geschlecht“ (im Sinne von Familie) als Spezifikum erhalten haben.




Etwa ab dem späten 10. Jahrhundert wurden Geschlechtertürme neben den eigentlichen Behausungen als Rückzugsmöglichkeit sowie Lager in den befestigten Städten vor allem auf dem Gebiet der Markgrafschaft Tuscien (dem Vorläufer der heutigen Toskana) errichtet.
Aufbau der Türme
Die Türme wiesen einen rechteckigen oder quadratischen Grundriss auf mit massiven und fensterarmen Mauern. Symmetrisch angeordnete Löcher in den Außenmauern zeugen noch heute von ehemals hölzernen Galerien oder Balkonen, manchmal auch in Kombination mit steinernen Konsolen als Auflager. Diese sollen auch als Verankerung für bewegliche Ausleger gedient haben, über die die Familien in die Türme nahestehender, befreundeter Familien flüchten konnten und so eine „Società delle Torri“ („Turmgesellschaft“) oder „Consorterie“ gebildet haben.




Ursprünglich besaßen die Türme aus Sicherheitsgründen einen erhöhten Eingang, der nur über Leitern erreicht werden konnte. Im Untergeschoss befand sich gewöhnlicherweise der Lagerraum, darüber jeweils ein Raum pro Etage und im Obergeschoss, zur Verringerung des Brandrisikos, die Küche. Die oberste Plattform, mitunter mit Zinnen oder Konsolen für einen hölzernen Umgang versehen, diente als Aussichtspunkt.
Mit ihrem wehrhaften Charakter erinnern die Turmbauten architektonisch an die schon erwähnten freistehenden Wehr- oder auch Wachttürme. Im Gegensatz zu diesen trug die im Zentrum stehende Variante jedoch nicht zur Verteidigung einer Stadt bei, hatte somit nurmehr einen symbolischen Charakter. Dies wurde noch sichtbarer, als im Laufe der Zeit die Höhe der Turmbauten extrem zunahm…


„Hochstapelei“ und Fall
Den Patrizierfamilien galten die Türme als ein Zeichen ihrer einstigen Autonomie. Sie klammerten sich weiter an das Symbol ihrer früheren politischen Macht, die nun immer stärker an städtische Einrichtungen überging. Gleichzeitig nahm der Konkurrenzkampf zwischen den Familien zu, der durch die Fehde zwischen den Ghibellinen und Guelfen (Staufer- bzw. Welfen-Partei, Kaiser gegen Papst) noch verstärkt wurde. Die Patrizier reagierten darauf, indem sie, sobald sie es sich leisten konnten, ein weiteres Stockwerk auf ihren bestehenden Turm aufsetzten und so versuchten, ihre Konkurrenten in der Höhe im wahrsten Sinne des Wortes zu übertrumpfen.

Aber auch in kleineren Ortschaften wie in San Gimignano (heute wegen der noch in voller Höhe erhaltenen Türme als „Manhattan des Mittelalters“ bezeichnet; s. Titelbild) waren und sind sie mitunter noch heute Teil des Stadtbildes.
Die unbegrenzte „Hochstapelei“ führte jedoch dazu, dass aufgrund des Eigengewichtes instabil gewordene Türme zusammenbrachen und Menschenleben kosteten, weshalb die Stadtregierungen, die signorie, zur Vermeidung dieser Unfälle per Gesetz Höhenbegrenzungen einführten und den Rückbau anordneten. Gleichzeitig konnte so unterbunden werden, dass die Familien ihr gesamtes Vermögen in den Turmbau steckten, anstatt das Geld für ihr Geschäft oder für wohltätige Zwecke zu verwenden.
Welche symbolische Macht zu dieser Zeit in den Bauten steckte, zeigt, dass die beiden großen toskanischen Rivalen Florenz und Siena, sobald sie eine Stadt eingenommen hatten, deren Türme abreißen ließen (Klaus Zimermann: Toscana. Das Hügelland und die historischen Stadtzentren, Ostfildern 2011, S. 35). Das schon erwähnte Städtchen San Gimignano begab sich 1352 freiwillig unter den Schutz von Florenz und konnte so seine Türme behalten.
Die Florentiner Türme

Wie schon geschrieben, war auch das Stadtbild Florenz‘ ab dem späten 10. Jahrhundert geprägt von zahlreichen Geschlechtertürmen. Trotz der Familienfehden, bei denen gelegentlich Türme geschleift wurden, sollen rund 250 Jahre später etwa 160 bis 200 Türme im Zentrum mit einer Höhe von bis zu 70 Metern existiert haben. Als sich 1250 die primo popolo bildeten, eine vom Adel unabhängige Körperschaft der Bürger,
„ordneten sie mit der Kraft des Volkes an, dass alle Türme von Florenz, welche eine Höhe von 120 Ellen [= 70 m] hatten, auf die Höhe von 50 Ellen [29 m] zurückgebaut werden sollten und nicht mehr, und so wurde es getan; und von den Steinen wurde dann die Stadt jenseits des Arno errichtet.“
Giovanni Villani, Nuova Cronica, Libro settimo, XXXIX, um 1348 („E come il popolo ebbe presa signoria e stato, sì ordinaro per più fortezza di popolo che tutte le torri di Firenze, che ce n’avea grande quantità alte CXX braccia, si tagliassono e tornassono alla misura di L braccia e non più, e così fu fatto; e delle pietre si murò poi la città oltrarno.“)
Ähnlich agierten auch viele andere Städte der Toskana und verboten die Erhöhungen oder ließen die Türme gleich zurückbauen (für Pisa und Genua könnt ihr die Entwicklung hier nachlesen). Als Folge sind im Laufe der nächsten Jahrhunderte viele Turmbauten komplett abgerissen worden, da sie ihre Bedeutung als Machtdemonstration der reichen Familien verloren hatten und ihr Unterhalt recht teuer war. Zudem waren die Bauten durch das starke Mauerwerk schwer zu klimatisieren, so dass die Innenräume im Sommer feuchtkühl, im Winter nasskalt waren, wie mir eine Freundin aus Arezzo vor einigen Jahren erzählte. Sie hatte einen Klassenkameraden, der mit seiner Familie in so einem Turm wohnte, und hat Besuche bei ihm nicht in so einer romantischen Erinnerung, wie wir uns das vorstellen…




In Florenz haben immerhin rund 40 Wohntürme überlebt – hauptsächlich im Altstadtkern beiderseits des Arnos. Wenn sie gut saniert sind, lässt es sich heute gut darin leben, vor allem, wenn man wie eine ehemalige Kollegin das Dachgeschoss mit Terrasse bewohnt.
Im Italienischen nennt man die turmreichen Städte übrigens città delle cento torri (Städte der hundert Türme). Neben den bisher genannten zählen dazu: Alba, Albenga, Ascoli Piceno, Asti, Chieri, Pavia, Tarquinia und Viterbo (also, wie schon erwähnt, über die Toskana hinaus).
Und bis in den süddeutschen Raum fanden die Geschlechtertürme Eingang. Noch existente sieht man zum Beispiel in Basel, Konstanz, Nürnberg, Regensburg und Trier. In Nürnberg, wohl der deutschen Stadt mit den meisten derartigen Bauwerken, soll es 1430 immerhin 65 Wohntürme gegeben haben.


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