Am Morgen des 23. Mai 1498, einem Montag, versammelte sich eine große Menschenmenge auf der Piazza dei Priori (die heutige Piazza della Signoria), um der Hinrichtung eines Mannes beizuwohnen, der wenige Jahre lang mit Strenge die Geschicke der Stadt geleitet hatte.
Girolamo Savonarola – Ketzer oder Wohltäter?
Girolamo Savonarola, 1452 in Ferrara geboren, hatte sich nach einem abgebrochenen Medizinstudium der Theologie zugewandt. Schon in während dieser Zeit verfassten Gedichten kritisierte er die Verkommenheit der damaligen Welt („De ruina Mundi“ von 1472) und der Kirche („De ruina Ecclesia„, um 1475). Im Anschluss an sein Studium trat er mit 22 Jahren in das Dominikanerkloster San Domenico in Bologna ein und begann die Laufbahn eines Diakons. Nach Stationen in Ferrara und Reggio Emilia berief man ihn im Mai 1482 zum Lektor in das Florentiner Dominikanerkloster San Marco, um dort die Heilige Schrift auszulegen und von den Kanzeln der florentinischen Kirchen zu predigen.
Wie er selber schrieb, kamen seine Predigten anfänglich nicht gut an beim Florentiner Volk, unter anderem aufgrund seines Dialektes. Angeblich habe er während des Fastens in den Jahren 1484 und 1485 aber einige Offenbarungen gehabt, die ihn in seinen Predigten radikaler und apokalyptischer werden ließen; sicherlich auch beeinflusst durch den Tod mehrerer nahestehender Verwandter. Nach seiner Abberufung 1487 predigte Savonarola in verschiedenen oberitalienischen Städten, bis er im Juni 1490 auf Wunsch Lorenzo de’ Medicis wieder als Lektor nach Florenz zurückkehrte.


Savonarolas Aufstieg in Florenz
Vom Kloster San Marco aus, wo Savonarola wirkte, begann er seinen „Kreuzzug“ gegen die Sittenlosigkeit der Kirche und die Obrigkeit. Obwohl er auch gegen die Herrschaft der Medici wetterte, wurde er schon im Juli 1491 mit Unterstützung von Piero di Lorenzo de‘ Medici, dem ältesten Sohn von Lorenzo, Prior des Klosters und setzte seine Reformationspläne des Dominikanerordens zurück zu einem wahren Bettelorden fort. Im Folgejahr starben sowohl Lorenzo de‘ Medici als auch Papst Innozenz VIII.
Savonarola war anfangs zuversichtlich, dass er unter dem Nachfolger Alexander VI. mehr Anklang mit seinen Ideen finden würde. Da dieser aber mit Exzessen auffiel, übte Savonarola harsche Kritik auch an ihm, weshalb dieser den beim Volk beliebten Prediger nach Rom zitierte. Als der unter Vorgabe von gesundheitlichen Gründen ablehnte, suspendierte der Papst Savonarola. Erstaunlicherweise nahm er nach der schriftlichen Stellungnahme des Priors diese Anordnung zurück, untersagte ihm jedoch zu predigen. Anfangs hielt sich dieser noch daran, publizierte aber weiterhin Schriften, in denen er den ihm gegenüber erhobenen Vorwurf der Ketzerei zurückwies und die in Florenz eingeleitete Reform verteidigte.


Savonarola predigt (aus: Girolamo Savonarola, Compendium revelationum, Florenz 1495, S. 1; Wikimedia) und Porträt von Savonarola, um 1498 (Fra Bartolommeo; Öl auf Holz, Museo nazionale di San Marco; Wikimedia)
Um den immer ungehemmter gegen zahlreiche Missstände predigenden Savonarola ruhig zu stellen, bot der Papst ihm 1496 die Kardinalswürde unter der Bedingung an, dass er seine Kritik an der Kirche zurücknehme und sich in Zukunft zurückhalte. Savonarola, der erwartungsgemäß ablehnte, gebärdete sich nun angeblich immer fanatischer. Schon seit 1494, als Piero di Lorenzo de‘ Medici aus Florenz geflohen war, hatte er begonnen, seine Idee eines aristokratisch-demokratischen Staatssystems umzusetzen, welche nun jedoch immer diktatorischere Züge annahm.
So ließ er Anfang Februar 1497 Jugendliche und Kinder („Fanciulli“) im Namen Christi alles aus seiner Sicht Verkommene in Florenz beschlagnahmen und auf der Piazza dei Priori verbrennen. In diesem „Fegefeuer der Eitelkeiten“ landeten Kunstgegenstände, heidnische oder pornografische Literatur und Bilder, Schmuck, kostbare Einrichtungsgegenstände und Kleidung, Spielkarten und vieles mehr. Weitere repressive Aktionen gegen Homosexuelle, modisch gekleidete Frauen usw. schürten in der Stadt ein Klima der Angst und brachten die Bevölkerung, zudem angestachelt durch Medici-Getreue, gegen den fanatisch agierenden Savonarola auf.
Das Ende des Bußpredigers
Am 12. Mai 1497 wurde er offiziell von Papst Alexander VI. exkommuniziert, was Savonarola jedoch nicht daran hinderte, seinen Feldzug gegen die Laster fortzusetzen. Als seine Anhänger aber bei den Wahlen zur Signoria im Frühjahr 1498 die Mehrheit verfehlten und der Papst unter Androhung der Interdikt-Strafe gegen die Stadt Florenz die Gefangennahme des Bußpredigers forderte, drang eine aufgebrachte Menschenmenge in das Kloster San Marco und ergriff Savonarola.
Nach einem durch Folter erpressten Geständnis seiner Verfehlungen, das Savonarola später widerrief, hielten die Signori Otto di Guardia e Balìa über ihn und zwei weitere Brüder Gericht und verurteilten sie zum Tode.


Hinrichtung Savonarolas und zweier Mitbrüder (Filippo Dolciati, 1498; Museo di San Marco; Wikimedia), Standort der Hinrichtung auf der Piazza dei Priori (heutige Piazza della Signoria, rot markiert; Google)
Am 23. Mai 1498 wurden sie auf der Piazza dei Priori, wo Savonarola ein Jahr zuvor sein „Fegefeuer der Eitelkeiten“ entzündet hatte, gehenkt und dann verbrannt. Die Reste warf man am nächsten Tag in den Arno.
Angeblich hätten noch in der Nacht Anhänger des Bußpredigers am Ort der Hinrichtung Blumen und Blätter verteilt und somit eine noch heute bestehende Tradition begründet. Seitdem kommen jedes Jahr am „Tag der Fiorita“ nach der Messe in der Cappella dei Priori im Palazzo Vecchio Dominikanerbrüder, Politiker und Einwohner von Florenz am ehemaligen Richtplatz zum Gedenken zusammen.
Heute ist der Ort für jeden Besucher erkenntlich durch einen rötlichen, granitenen Stein mit einer bronzenen Inschrift:
QUI/ DOVE CON I SVOI/ CONFRATELLI FRA DOMENICO/ BVUNVICINI E FRA SILVESTRO/ MARVFFI IL XXIII MAGGIO/ DEL MCCCCXCVIII PER INIQUA/ SENTENZA FV IMPICCATO ED ARSO/ FRA GIROLAMO SAVONAROLA/ DOPO QVATTRO SECOLI FV COLLOCATA QUESTA/ MEMORIA


Was hat das nun mit der ausgepeitschten Glocke zu tun?
Als die Bevölkerung Florenz‘ in der Nacht des 8. April 1498 das Kloster San Marco stürmte, um Savonarola gefangenzunehmen, läutete jemand die Glocke, um Hilfe herbeizurufen.
Anscheinend konnte man im Anschluss aber den Übeltäter nicht ausfindig machen, so dass die Signoria stattdessen Gericht über die Glocke hielt. Am 29. Juni 1498 wurde sie verurteilt, daraufhin vom Turm abgenommen, mit Hilfe eines Esels durch die Straßen geschleift, vom Henker ausgepeitscht und schließlich für elf Jahre aus der Stadt verbannt. Danach brachte man sie wieder in das Kloster San Marco zurück, wo sie noch heute hängt.
In Erinnerung an die ständig über die Lebensweise der Florentiner klagenden Anhänger Savonarolas wird die Glocke seitdem „La Piagnona“ (Heulsuse) genannt (von piangere = weinen, heulen).


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