Bitte beachtet vorweg: Dies ist ein subjektiver Artikel zur aktuellen Lage in Florenz und nicht übertragbar auf andere Städte/ Regionen. Ich kommentiere auch nicht irgendwelche behördlichen Entscheidungen hier oder gebe Empfehlungen, sondern beschreibe nur den Ist-Zustand vom 16.3.2020. Die Bilder sind am Abend des 12. sowie am frühen Nachmittag des 13. und 14. März entstanden.
Tja, zu „Normalzeiten“ regen wir uns in Florenz immer über die Touristenmassen auf und malen uns aus, wie die Stadt denn ohne sie wäre. Das müsste ein Paradies sein! All die schönen Sehenswürdigkeiten nur für die Bewohner! Man bekäme immer einen Sitzplatz auf einer Bank je nach Jahreszeit in der Sonne oder im Schatten, müsste nicht an Museen oder bekannten Eidielen, Schiacciaterien usw. anstehen, käme schnell zu Fuß oder mit dem Rad im Zentrum von A nach B…



Nun ist dieser Traum zum Teil Wahrheit geworden. Aber so hatte sich das keiner vorgestellt. Zumal auch keine Gelegenheit existiert, dies zu genießen. Nachdem zuerst die kulturellen und sportlichen Einrichtungen schlossen, dann die Bildungseinrichtungen, die Läden und Restaurants (abgesehen vom Lieferdienst), mussten zuletzt auch die verbliebenen Hochburgen des sozialen Kontaktes und der Inbegriff Italiens, die Bars, ihren Betrieb einstellen. Übrig sind jetzt nur noch Supermärkte, Apotheken, Drogerien und Märkte.
Geht man jetzt durch die Stadt, hat man viel Platz, um auch zu zweit einen großen Sicherheitsabstand einzuhalten. In Florenz herrscht keine Ausgangssperre; es gilt aber natürlich die Devise, dass man nur so wenige Wege wie möglich erledigen soll. Damit sind der Gang zur Arbeit, sofern sie nicht auch eingestellt wurde, zum Einkauf und zum Arzt gemeint.


Offiziell kann man kontrolliert werden, wenn man auf der Straße angetroffen wird, aber das ist mir – im Gegensatz zu dem, was man aus der italienischen Hauptstadt hört – bisher nicht passiert. Und das, obwohl ich öfters Polizisten begegnet bin! Größere Gruppen werden hingegen aktiv aufgelöst. Im schlimmsten Fall muss man, wenn man keine Legitimation vorweisen kann, mit einer Geldstrafe rechnen. Nur wer die Region verlassen will, wird tatsächlich kontrolliert und muss ein entsprechendes Formular mit dem Grund der Reise ausfüllen.
Aktuell herrscht bei den Bewohnern auf der einen Seite Panik vor dem Unbekannten, dem noch Bevorstehenden, und vor allem dem, was danach kommt. Der für Florenz so wichtige Touristenstrom wird nur langsam wieder einsetzen, noch weiß man natürlich nicht einmal, wann. Auf der anderen Seite sieht man Gelassenheit und pragmatisches Ausnutzen der Gelegenheit. So bauen Ladenbesitzer ihre Geschäfte um, sitzen manche Italiener mit gebührendem Sicherheitsabstand in der Sonne auf den Bänken und genießen die Ruhe.


Das ist das Ungewöhnlichste für eine italienische Stadt, diese Ruhe! Ich frage mich, ob diese Situation bei den Italienern zu einer Änderung in ihrer Lebensweise führt, so dass die Straßen auch bei der irgendwann kommenden Normalisierung ruhiger sein werden als zuvor? Wahrscheinlich aber nicht. 😉 Im Zentrum trifft man immer wieder Leute, die Fotos von dieser ungewöhnlichen Situation machen. Selbst die Carabinieri können dieser Versuchung nicht widerstehen und fotografieren z.B. den leeren Ponte Vecchio mit ihren Smartphones!
Diejenigen, die rausgehen und darüber in den sozialen Medien berichten, erfahren allerdings teilweise einen Shitstorm, weil sie so zur weiteren Verbreitung des Virus beitrügen. Meine Mitbewohner haben sich bei meiner Vermieterin (aber nicht bei mir!) darüber beschwert, wie ich im Nachhinein erfuhr, dass ich trotzdem noch rausging. Sie befürchteten, dass ich diverse Leute treffe und so das Virus mit in die WG bringe. Hier gilt es also, verantwortungsbewusst mit dieser Situation umzugehen. Natürlich habe ich nicht Massen an Leute getroffen und bei den wenigen auch einen entsprechenden Abstand eingehalten. Deswegen machen manche Italiener, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, zu ihrer Sicherheit einen großen Bogen um einen. Maskierte Menschen sieht man hingegen erstaunlich wenige auf der Straße.
Der alles bestimmende Hashtag ist: #iorestoacasa (ich bleibe zu Hause).



Hoffnung und Durchhaltewillen, aber auch Dank an die vielen Kräfte, die täglich im Kampf um Andere die eigene Ansteckung riskieren, spürt man bei aller Panik aber immer wieder. Über die sozialen Medien werden Flashmobs organisiert, bei denen man von den Fenstern aus gleichzeitig musiziert oder klatscht als symbolische Unterstützung dem medizinischen Personal gegenüber. Die Supermärkte sind nach der ersten Hamsterwelle wieder gut gefüllt. Da sie immer nur eine begrenzte Anzahl an Personen einlassen, entwickeln sich schnell lange Schlangen, die aber stoisch ertragen werden.
Und neben den scherzhaft damit umgehenden Bildchen in den sozialen Medien, die man auch auf den deutschen Seiten derzeit vielfach findet, kann man gerade überall in der Stadt folgenden Spruch lesen: „Tutto andrà bene!“ (Alles wird gut!)


* Vor einigen Tagen meinte unser Portier zu mir, dass ich, falls es klingelt, niemanden in das Haus reinlassen solle, weil es für externe Besucher geschlossen ist. Daraufhin fragte ich zwinkernd, ob denn der Wolf vor der Tür stünde. Seine ungefähre Antwort habe ich als Titel für den Beitrag gewählt… 😉


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