Der Palazzo Pucci befindet sich im Zentrum Florenz‘, unweit des Domes, in der Via de‘ Pucci (dreimal dürft Ihr raten, warum die Straße so heißt 😉). Schaut man auf die Gebäudeecke an der Via dei Servi, sieht man ein vermauertes Fenster. Von dessen Geschichte handelt der folgende Artikel…
Die Pucci und die Medici
Alles begann mit dem Politiker und Architekten Antonio Pucci, der im ausgehenden 14. Jahrhundert das Gelände kaufte. Sein Sohn, Puccio Pucci, kam als Händler zu Reichtum und war befreundet mit Giovanni di Bicci de’ Medici, der den wirtschaftlichen und damit zusammenhängend den politischen Aufstieg der Medici begründete. Seitdem waren beide Familien eng miteinander verbunden.


Auch der einige Generationen später am 29. November 1509 in Florenz geborene Pandolfo Pucci soll von seinem Vater Medici-getreu erzogen worden sein. Selbst nach der Umwandlung der Stadt in das Medici-Fürstentum (1531), in dem Pandolfos Vater Roberto eine führende Rolle gespielt hatte, hielten sie weiterhin – und nicht zu deren Schaden – zu dieser Familie. So gehörte Pandolfo nach der Ermordung von Alessandro de‘ Medici am 7. Januar 1537 zu einem der Befürworter der Kandidatur von Cosimo I. de‘ Medici als neuer Herzog von Florenz, was Pandolfo in den Anfangsjahren der Regierung von Cosimo I. eine herausragende Stellung am Hofe einbrachte.
Wann genau und warum Pandolfo seine Einstellung zu den Medici änderte, ist unbekannt. Vielleicht hängt es mit seiner zwischenzeitlichen Inhaftierung 1541 in der Festung von Volterra aufgrund seiner angeblich unordentlichen Lebensweise – er soll sich vor allem dem Vergnügen gewidmet haben – zusammen? Auf Fürsprache seines Vaters Roberto kam er jedenfalls wieder frei, soll sich dann aber dem größten Konkurrenten der Medici, der Familie Farnese, angeschlossen haben.
Auf seinen zahlreichen Reisen nach Rom und Frankreich, wohin nach dem Tode Alessandros die Medici-Feinde verbannt worden waren, soll Pandolfo wiederholt mit prominenten Medici-Gegnern zusammengetroffen sein, die ihm ihre Unterstützung zusicherten. So scheint sich bis 1553 ein Verschwörungsprojekt entwickelt zu haben, das zur Ermordung von Cosimo I. hätte führen sollen.
Die fortschreitende Machtzunahme Cosimos I. resultierte allerdings in einer langsamen, aber stetigen Abnahme der Zahl der Unterstützer des subversiven Vorhabens. Recht spät erst scheint Cosimo selber davon erfahren zu haben, welcher einige Zeit darauf die wichtigsten Verdächtigen überwachen und sie schließlich am 4. Oktober 1559 verhaften ließ. Zusammen mit einigen Mitstreitern wurde der vermeintliche Rädelsführer Pandolfo im Bargello inhaftiert, während andere Beteiligte sich rechtzeitig nach Venedig oder Frankreich absetzen konnten.


Der Prozess
Im Anschluss beauftragte Cosimo I. den Sekretär Lorenzo Corboli mit der Leitung des Prozesses gegen die Verschwörer. Corboli war von Cosimo erst kurz zuvor als einer der „neuen“ sogenannten Signori Otto (Mitglieder der Institution Otto di Guardia e Balìa) eingesetzt worden, nachdem er die „alten“, die gegen ihn aufbegehrten, kurzerhand entlassen hatte. Corboli soll mit brutalen Methoden – darunter auch Folter – von Pandolfo Informationen über das geplante Attentat sowie seine Mitstreiter herausgepresst haben. So habe Pandolfo mit einer Arkebuse vorgehabt, Cosimo durch ein Eckfenster des Palazzo Pucci zu erschießen, während dieser auf dem Weg zum Gottesdienst in seiner Stammkirche Santissima Annunziata den Palazzo passiert.
Am 29. Dezember 1559 wurden die Verdächtigen, darunter Mitglieder weiterer Adelsfamilien, von den Signori Otto mit sofortiger Vollstreckung zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Auch Pandolfo blieb dieses Schicksal nicht erspart und er wurde am 2. Januar 1560 wie die anderen im Bargello hingerichtet, allerdings als vermeintlicher Rädelsführer gehängt. Und damit derartiges nicht doch noch geschehen konnte, und natürlich auch als zusätzliche Warnung an Nachahmer, ließ Cosimo das betreffende Fenster zumauern.


Überlieferung
Nun kennt Ihr also die Geschichte, die hinter dem Fenster steckt. Aber: Die Informationen basieren größtenteils auf den Prozessakten im Florentiner Staatsarchiv, die natürlich den Vorfall durch die Augen Medici-Getreuer wiedergeben! Es erscheint schließlich schon seltsam, dass ein Angehöriger einer angesehenen und wirtschaftlich durchaus gefährlichen Familie aus dem Stammhause heraus und noch dazu selber ein Attentat verüben wollte! Laut den Gerichtsakten habe Pandolfo zu Anfang des Prozesses sogar noch seine Loyalität der Familie Medici bezeugt, später aber immer mehr – unter dem Druck der Folter? – von den vermeintlichen Attentatsansichten gesprochen.
Auf einen außenstehenden Betrachter wirkt es eher so, als wollte sich Cosimo, der sich durch seinen autoritären Regierungsstil in der Tat Feinde in der Stadt geschaffen hatte, unliebsamer Zeitgenossen entledigen und suchte dafür ein Opfer. Pandolfo, dessen Ruf ja, sofern es sich nicht um ein späteres Konstrukt der Medici handelte, für einen Adeligen sowieso schon schlecht war, schien hierfür geeignet zu sein. Somit konnte ein Exempel statuiert und etwaige Konkurrenz ruhiggestellt werden. Ob Pandolfo nun beteiligt war oder nicht, ist letztlich auch gar nicht mehr so wichtig. Bedeutender ist, dass das Ereignis die immer mehr kippende Stimmung zu Ungunsten der Medici in den Adelsfamilien der Stadt aufgezeigt hatte, wogegen diese immer brutaler vorging.
Übrigens wurde fünfzehn Jahre später, d.h. 1575, auch der Sohn Pandolfos, Orazio, zusammen mit 20 Mitstreitern wegen einer Verschwörung hingerichtet, nun gegen Francesco I. de’ Medici. Orazio habe sich an den Medici für den Tod seines Vaters rächen wollen. Während Cosimo es zuvor erwogen, letztlich aber nicht umgesetzt hatte, ließ Francesco nun auch den Besitz der Verschwörer konfiszieren und soll so über 300.000 Dukaten für die Stadt eingenommen haben. Damit schuf er sich neue Feinde…


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