Florenz, diese an Bauwerken und Kunstschätzen reiche Stadt, hat natürlich auch zahlreiche Sagen aufzuweisen. Eine beschäftigt sich mit dem Palazzo Budini Gatai (ehemals Grifoni), in dem sich ehemals mein Arbeitsplatz befand, die Fotothek des Kunsthistorischen Institutes…
Gerade denjenigen, die jeden Tag den Palazzo aus der Richtung der Piazza della Santissima Annuziata passieren, wird es wohl schon einmal aufgefallen sein: Das Fenster (bzw. korrekterweise die Jalousie) ganz rechts in der ersten Etage ist niemals geschlossen.

Der Sage nach wartete hinter dieser Jalousie eine Dame auf ihren Mann, der aus dem Hause Grifoni stammen soll und in den Krieg zog, aber niemals zurückkehrte. Seit dem einsamen und traurigen Tod der Dame soll sie weiterhin als Geist an dem Fenster stehen und noch immer sehnsüchtig Ausschau nach ihrem Ersehnten halten.
Als ihre Nachkommen die Jalousie schlossen, haben sich angeblich die Möbel in dem Raum bewegt, die Bilder gewackelt und das Licht wäre ständig an- und ausgegangen, solange bis man das Fenster schließlich wieder öffnete. Das ist jedenfalls das, was man sich in Florenz erzählt…
Wenn Ihr mich fragt, hat die Sage aber einen anderen Hintergrund (wer hätte das gedacht? 😉). Hinter dem Fenster befindet sich eine kleine Toilette. Vermutlich wollte man so dafür sorgen, dass immer für ausreichend Belüftung gesorgt war! Das könnte dann aber auch bedeuten, dass die Sage erst mit dem Kauf des Gebäudes durch die Familie Budini Gatai entstanden ist (1890), die den Palazzo innerhalb von zwei Jahren im Inneren umgestalten ließ. Leider konnte ich nicht herausfinden, ob sich die Raumnutzung dadurch veränderte oder sich schon vorher an dieser Stelle ein Klo befunden hat (an dem die Dame ihre Sitzung abhielt 😉). Das Format des Raumes hat sich aber anscheinend nicht verändert und bietet nur sehr wenig Spielraum für wandernde Möbel (siehe die Abbildung des Grundrisses weiter unten).
Interessant ist noch ein anderer Bezug: Steht man an besagtem Fenster und schaut über die Piazza, so blickt man direkt in die „Augen“ von Ferdinando I. de‘ Medici, Großherzog der Toskana von 1587 bis zu seinem Tode 1609, beziehungsweise seiner Reiterstatue, die auf der Piazza aufgestellt wurde. Könnte hierbei ein Zusammenhang bestehen?


Nun, wenden wir uns dafür zuerst kurz der Baugeschichte des Palazzo zu: Der erste Teil wurde von 1561 bis 1565 nach Plänen von Bartolomeo Ammanati errichtet, wobei ein Teil des zweiten Obergeschosses ausgespart blieb (siehe Abbildung vom Ende des 16. Jahrhunderts aus dem Staatsarchiv Florenz; übrigens mit geschlossener Jalousie!). Bauherr war der Sekretär der Medici, Ugolino Grifoni (siehe Textfeld). Erst 1772 vollendete man die Fassade auf der Piazza-Seite.


Ugolino di Jacopo Grifoni wurde 1504 in San Miniato al Tedesco als Sohn von Jacopo di Michele Grifoni geboren, welcher Notar und Provisor (Verwalter) der Magistraturen Consoli del Mare und Gabella di Pisa war. Nach dem Studium trat der junge Grifoni als Kopist in den Dienst der erzbischöflichen Kurie und ab der Mitte der 1530er Jahre der Medici, wo er natürlich auch in Kontakt mit bedeutenden Künstlern wie Baccio Bandinelli kam. Ab 1540 war er bis zu seinem Tode Gran Maestro dello Spedale d‘Altopascio. Als Cosimo I. von Medici 1564 die Macht an seinen Sohn Francesco I. pro forma abgab, ging Grifoni in dessen Dienste über. Immer wieder verbrachte Grifoni Zeit im Auftrag der Medici in Rom. Am 1. Dezember 1576 starb Ugolino in seinem Florentiner Palast. Sein Körper wurde, wie testamentarisch verfügt, nach San Miniato in die Kirche der Santi Jacopo Maggiore e Lucia di San Miniato al Tedesco verbracht.
Die Reiterstatue von Ferdinando I. de’ Medici stellte man 1608 anlässlich der Hochzeit von Cosimo II. de‘ Medici mit Maria Magdalena von Österreich auf der Piazza auf. Es handelte sich hierbei um eines der letzten Werke des Bildhauers Giambologna, welches durch den Bronzegießer Pietro Tacca zwischen 1602 und 1607 ausgeführt wurde. Die Wahl des Standortes basierte vermutlich auf mehreren Gründen: Die Piazza hatte im 16. Jahrhundert eine außergewöhnliche architektonische Geschlossenheit erhalten wie kein anderer Platz Florenz‘ und war noch völlig denkmälerfrei. Zudem war Ferdinando dem Serviten-Orden, der seinen Sitz in der dem Platz den Namen gebenden Kirche Santissima Annunziata hat, zeitlebens eng verbunden (siehe die aufgrund der Panoramaaufnahme verzerrte Abbildung des Platzes mit der Kirche links).

Sofern es sich hierbei nicht einfach nur um die Einhaltung der Konvention handelte (in Anlehnung an das antike Vorbild der Reiterstaue von Mark Aurel in Rom wendeten die später aufgestellten Reiter in den meisten Fällen ihre Köpfe nach rechts), könnte Ferdinando dankbar und in Erinnerung in Richtung des Gebäudes von Grifoni schauen, den er von klein auf gekannt haben wird. Oder gab es tatsächlich zu dieser Zeit eine Dame aus diesem Hause, auf die Ferdinando ein Auge geworfen hatte?
Wahrscheinlich aber stammt die Sage weder aus der Zeit des Palazzo, noch der Statue. Auf alten Stichen des Gebäudes und selbst noch auf Fotografien des späten 19. Jahrhunderts sieht man meistens eine geschlossene Fassade, keine Jalousie ist geöffnet. Damit bekommt meine These von der Belüftung des stillen Örtchens doch wieder Bedeutung… 😉
Quellen:
- Daniela Stiaffini, Ugolino Grifoni, „l’Altopascio“ segretario di Cosimo I, Bologna 2018
- Marco Calafati, Bartolomeo Ammannati. I palazzi Grifoni e Giugni. La nuova architettura dei palazzi fiorentini del secondo Cinquecento, Florenz 2011
- Dietrich Erben, Die Reiterdenkmäler der Medici in Florenz und ihre politische Bedeutung, in: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, 40.1996 (1997), S. 287-361


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