Für gewöhnlich registrieren wir normalgehenden Menschen nicht die Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich Rollstuhlfahrern im Alltag bieten. Um die eigene Sensibilität dafür zu schärfen ‒ und damit eventuell auch Dinge verbessern zu können ‒, ist es natürlich hilfreich, mit einem guten Freund, der im Rolli sitzt, auf Reisen zu gehen. Tobi und ich haben schon diverse gemeinsame Reisen erfolgreich absolviert. Sei es in der Nähe oder in der Ferne. Aber noch nie waren wir derart positiv überrascht und angetan wie von der Situation in Italien. Und darüber möchte ich Euch hier einmal berichten (und ich befürchte, es wird wieder länger werden). 😉
Anreise
Es begann schon, nachdem ich, der mit dem Zug von Florenz nach Neapel anreiste, mit dem Bus zum Flughafen gefahren bin, um Tobi abzuholen. Anfänglich sollten wir beide für die Fahrt in die Stadt zurück ein Ticket lösen. Als ich dann aber meinte, dass ich extra wegen Tobi zum Flughafen gekommen bin, sah die Situation auf einmal ganz anders aus. Das Zauberwort hier war: accompagnare! (sprich „ak-kompanjare“, begleiten) Nun wurde plötzlich mein Hinfahrtticket für uns beide auch für die Rückfahrt akzeptiert!
Nach der Ankunft im Zentrum entschieden wir uns für einen spontanen Stadtrundgang. Wer Neapel kennt, weiß, dass die Straßen der Altstadt mit ihren Steigungen für einen handbetriebenen Rolli allein kaum zu meistern sind. Zu zweit findet man aber immer einen Weg! Und sobald es irgendwo eng wird, kommen Italiener auf einen zu und bieten einem Hilfe an. Ständig!



Umgang mit Rollstuhlfahrern
In Museen erhält der Rollibesitzer und sein Begleiter (in dem Fall also ich) gewöhnlicherweise kostenlosen Eintritt; gelegentlich muss man freundlich nachhelfen, indem man auf den Rolli verweist und fragt, wie es sich damit verhält. An Warteschlangen wird man, sobald man bemerkt wird, fast immer vorbeigeleitet. Passanten lächelten Tobi meistens an, als wollten sie sagen, toll, dass Du das meisterst (ohne, dass das jetzt arrogant wirken soll). In Florenz warf eine ältere Dame Tobi beim Besuch einer Kirche sogar einen Handkuss zu! Des weiteren werden Extratüren geöffnet, Rampen geholt (falls ausnahmsweise mal keine vorhanden sind), Züge aufgehalten… Einfach beeindruckend!
Sightseeing in Neapel
Doch zurück zu den praktischen Erfahrungen in Neapel: Dort nahmen wir ‒ ohne bezahlen zu müssen ‒ die Bergbahn (Funicolare di Montesanto) hoch in das Festungsviertel. Auch in das Castel Sant’Elmo erhielten wir kostenlos Eintritt und genossen von dort den fantastischen Blick auf die Stadt, den Vesuv und den Golf. Wieder nach unten ging es wiederum kostenlos mit der Funicolare di Chiaia. Immer wieder öffneten freundliche Angestellte Türen für uns und zeigten uns den rolligerechten Weg.

Es war in Neapel so angenehm, dass wir darüber die Zeit vergaßen und letztlich großen Stress hatten, um den letzten Zug zu unserer Unterkunft zu erreichen. Die Bahnangestellten vor Ort waren (bis auf einen) sehr freundlich und warteten trotz der dadurch entstehenden kleinen Verspätung, bis wir den Bahnsteig erreicht hatten (der Bahnhof war leider nicht mit einem Fahrstuhl ausgestattet). Der Zugführer fragte auch sofort, wo wir aussteigen, um darauf vorbereitet zu sein. Die Ferrovia Circumvesuviana, mit der wir bis Pompei fuhren, hat online immerhin eine Liste, welche Bahnhöfe rolligerecht sind und was gegebenenfalls die nächste Alternative ist. (Da wir so spät dran waren, hatten wir beim Einstieg jedoch keine Wahl.) Daher wusste ich schon vorab, dass wir in Pompei wenig Probleme zu erwarten hatten ‒ und ja, dem war so! Allerdings war die Stufe vom Zug zum Bahnsteig für Tobi allein nicht machbar. Ein Helfer ist im Notfalle aber, wie schon mehrfach erwähnt, immer schnell zur Stelle…


Der Weg zum Hotel ging dann sehr schnell und unkompliziert und wir bestaunten im Vorbeigehen das erste Mal die antiken Überreste. Das Hotel, dass ich online natürlich hinsichtlich seiner Rollitauglichkeit gebucht hatte, war ein altes Hotel aus dem späten 19. Jahrhundert und super. Alles war mit dem Rolli erreichbar, das Bad groß und auch der Fahrstuhl funktionierte ‒ nur den Frühstücks-cappuccino kann ich nicht empfehlen! 😀
Wie es weiterging, erfahrt Ihr in Teil 2.


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