Nur etwa vier Stunden nach der Abfahrt in Mailand, die Sonne war noch nicht wieder aus ihrem Erholungsschlaf erwacht, verkündete der Busfahrer die Ankunft an seinem und unserem ersehnten Endziel: Venezia! Müde und verspannt „tröpfelten“ sämtliche Fahrgäste aus dem Bus und anschließend sehr gemächlich vom nordwestlichen Zipfel der Insel gen Zentrum. An der Piazzale Roma, dem Eingang in die Stadt, stoppten wir zum ersten Mal. Unsere müden Augen erblickten ein bereits geöffnetes Kaffee, wo wir das erste Koffein des Tages zusammen mit einem cornetto zu uns nahmen. Währenddessen hatte sich die Sonne endlich aufgemacht, das schlafende Eiland zu wecken, unsere reisemüden Glieder zu erwärmen und bescherte uns dadurch einen traumhaften, nein einen realen Sonnenaufgang über dem Canal Grande (ja, der heißt wirklich so und nicht, wie manchmal fehlerhaft behauptet, „Canale„).
Venedig
Gemächlich, aber zielstrebig der Beschilderung folgend, spazierten wir nun durch die noch größtenteils menschenleeren Gassen, überquerten Kanäle und Plätze, den Fischmarkt usw. und erreichten gemütlich 7:45 Uhr die Piazza San Marco, den Markusplatz. Ein beeindruckendes architektonisches Ensemble, das, meines Empfindens nach, jedoch erst des Nachts wirklich zur Geltung kommt. In Erinnerung an meine allererste archäologische Vorlesung zog es mich natürlich magisch zu der Porphyrgruppe der vier Tetrarchen, welche 1204 aus Konstantinopel nach Venedig verbracht und an der Südecke der Basilica di San Marco, dem Markusdom, platziert worden war.




Während wir uns anschließend in die Sonne an das Wasser setzten, um unsere „Batterien“ aufzuladen, füllten sich langsam die Piazza und die benachbarte Piazzetta San Marco. Aus sämtlichen Hotels kamen die Touristen hervorgekrochen und begannen mit der Bildung von Schlangen vor jedem bedeutenden Bauwerk, das zumeist gegen Bezahlung zu besichtigen war. Gegen 9:15 Uhr erhoben auch wir uns, um uns in eine derselbigen einzureihen und damit schweren Herzens den Sonnen- gegen einen Schattenplatz zu tauschen. Eine halbe Stunde später öffnete das von uns erwählte Objekt und präsentierte uns glücklicherweise geldbeutelschonend (sprich kostenlos) sein über und über vergoldetes, mosaik- und kuppelreiches Inneres. Falls es noch unklar ist: Ich meine natürlich den Markusdom! Ein etwas sonderbares, aber nicht minder eindrucksvolles Sammelsurium aus wiederverwendeten antiken Säulen (Spolien), aus zu geometrischen Ornamenten zusammengefügten antiken farbigen Marmorsteinchen (im Fachjargon „tesserae“ für die Angeber) auf dem Boden und goldene Wand- und Kuppelmosaike mit christlichen Motiven aus dem Mittelalter und dem Barock (da ich mich brav an das Fotografierverbot gehalten habe, gibt es hierzu keine Abbildungen – lasst Eurer Fantasie freien Lauf, befragt Eure Suchmaschine oder, ganz altmodisch, schaut Euch Bücher an).
Nach der ausführlichen Inspektion des sakralen Bauwerks spazierten wir erneut gemütlich quer durch die Stadt, nun fast zur nördlichen Spitze, am jüdischen Ghetto vorbei (übrigens der Ursprung der Bezeichnung Ghetto), wo unsere Unterkunft lag, um uns der Rucksäcke entledigen zu können. Zwar kamen wir zu früh an, aber Marco, ein Perser, der seit 30 Jahren in Venedig lebt und „das Hostel“ (drei Schlafräume, zwei Bäder, eine Küche) leitet und dort auch wohnt, empfing uns unglaublich gastfreundlich. Der eigentlich als 6er-Schlafsaal angekündigte Raum hatte sich mittlerweile in einen 8er verwandelt, da viele Gäste erwartet wurden, wie uns Marco bereitwillig erzählte, der überhaupt ziemlich redselig war (nomen est omen? :D).
Für uns hieß es anschließend Mahlzeit. Bei einem Menü mit Pasta und Fleisch bzw. Fisch ließen wir es uns, direkt an einem ruhigen Kanal nahe des Hostels, gut gehen und konnten nun gestärkt in die zweite Tageshälfte starten. Während sich Anni, die sich schon zum zweiten Mal in der Wasserstadt aufhielt, für Kunst in der Ca‘ Pesaro (Ca‘ ist die Kurzform für Casa = Haus) interessierte, favorisierte ich das (im Gegensatz zu Florenz) sonnige Wetter und platzierte mich aus Sonnen- und Fotogründen ganz vorn in dem Wasserbus der Linie 1. Dieser vaporetto (Dampfer), ein „Geheimtipp“, passiert regulär den Canal Grande komplett und benötigt für die Tour circa eine Stunde. Von da aus hatte ich alles im (fotografischen) Blick: Die nicht ein einziges Mal singenden gondolieri, Privatboote, Wassertaxis und -busse, welche alle lustig und chaotisch auf dem Canal umherkreuzten, und Palazzi wie die Ca‘ d’Oro, Brücken wie die Rialto- und die Seufzerbrücke, den Markusplatz natürlich und so weiter.





Auf dem Rückweg ins Zentrum, nun wieder zu Fuß, gönnte ich mir mal alleine ein Eis und musste feststellen, dass ich kein gutes Händchen in der Auswahl der gelateria hatte – da fehlte wohl das geschulte Auge der Eisexpertin. 😉 Obwohl ich zudem garfieldartig bei jedem Fleckchen Sonne, dass ich durchschritt, meine Geschwindigkeit verlangsamte, kam ich pünktlich kurz vor 17 Uhr am vereinbarten Treffpunkt wieder an.
Bei dem erneuten anschließenden – na, wer errät es? Richtig – Gang durch die Stadt, bei dem das oberste Ziel die Raubtierfütterung war, so eine Tour macht schließlich hungrig, tigerten wir zurück zum Markusplatz, wo ich mir ein arrotolato mit Schinken und Käse kaufte. Wie ich beim ersten herzhaften Biss bemerkte, war das gerollte und typisch italienisch auf dem Grill warm gemachte Panino unter anderem mit Dosenchampignons belegt – nun, was kann man auch mehr erwarten für nur 4,50 €. Den Sonnenuntergang verbrachten wir am Mittelmeer ganz romantisch mit Vino della Casa in Plastikbechern aus einer benachbarten Bar, wobei mir der barista freundlicherweise noch Chips in ebensolcheinem Behältnis aufdrängte. In der Dunkelheit führte uns unser Weg zurück zum Hostel erneut über den Markusplatz, der erleuchtet war und live mit klassischer Musik vor den Restaurants stimmungsvoll beschallt wurde.




Ein neuer Morgen in der Lagunenstadt. Man sollte meinen, acht Stunden Schlaf reichen, um sich zu regenerieren! Aber weit gefehlt, nicht nach den kurzen Nächten und langen Tagen. Zum Glück gab es Marco, der sich trotz der Morgenstund und aller Arbeit etwas Zeit für uns nahm! Auf die Frage, ob wir unsere Rucksäcke noch bis zum Abend im Hostel lassen könnten, führte er uns zur großen, leider etwas verrümpelten Terrasse. Mit Blick in den wolkenlosen, blauen Himmel meinte ich, dass das ein guter Platz sei, um den Tag mit einem caffè zu beginnen. Marco, der uns als seine Freunde bezeichnete (und das fühlte sich nicht wie eine Masche an, sondern ehrlich), ließ uns daraufhin auf dem Sofa Platz nehmen und machte uns in der Küche, welche schon von Chinesinnen besetzt war, die sich dort ihr herzhaftes Frühstücksmahl zubereiteten, einen caffè!
Burano
Im Gespräch empfahl er uns zudem einen Besuch der Insel Burano. Wir nutzten diesen Rat und nahmen den nächsten Wasserbus zu den Fondamente Nove, von wo aus die Linie 12 nach Burano abfährt. Allerdings fuhr dieser einmal um die komplette Insel, und zwar gegen den Uhrzeigersinn, so dass wir gemächlich bald eine Stunde bis zum Zwischenziel dahinschaukelten… Die Anschlussfahrt nach Burano dauerte noch einmal circa 45 Minuten – glücklicherweise waren wir wieder mit einem Tagesticket ausgestattet.
Gegenüber Venedig ist Burano die reinste Ferieninsel – klein, ruhig, viele bunte Häuser (davon sind einige auch zum Verkauf ausgeschrieben, also falls Ihr Euer Geld sinnvoll anlegen möchtet ;-); ich komm dann immer zu Besuch). Zwar schwappen mit jedem vaporetto neue Touris rein, aber die meisten halten sich glücklicherweise nur auf den Hauptstraßen auf, wo sie die üblichen Restaurants und Souvenirläden finden. Das werde ich zwar nie verstehen, war aber sehr froh darüber! Für uns jedenfalls war es Erholung, am Inselrand zu sitzen mit Blick auf das Wasser sowie durch die einsamen Gässchen mit den farbigen Häusern zu flanieren (der Legende nach seien diese übrigens so farbig angestrichen worden, um heimkehrenden Fischern im Nebel, bzw. wenn sie sich selber mit Alkohol benebelt hatten, als Orientierung zum Auffinden des eigenen Hauses zu dienen). Auf dem Rückweg machten wir kurz Stop auf der Glasbläserinsel Murano, wobei sie sich, abgesehen von den zum Teil absurden Glasobjekten in den Verkaufsräumen, nicht für einen Besuch lohnt. Häufiger lasen wir auch Schilder an den Läden, dass es sich nicht um billige chinesische Ware handelte. Einer drehte den Spieß um und warb genau damit – alles „Fake“!










Oh, und um Euch nicht noch mehr zu strapazieren (falls es überhaupt jemand bis hierhin geschafft hat), komm ich jetzt mal zum Ende! Also wir fuhren wieder zurück nach Venedig – waren an diesem Tag so insgesamt etwa drei Stunden auf dem Wasser –, aßen noch etwas in der Sonne sitzend, eilten zum Hostel, um unsere Rucksäcke zu holen, anschließend zum Busbahnhof und fuhren zurück. Ankunft nachts halb eins in Florenz. Fertig!
(Falls Ihr noch einmal Teil 1 anschauen wollt: Bitte hier entlang!)


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